Die theologische Mär von der atheistischen Verzweiflung

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Ein fehlender Glaube an eine göttliche Schöpfung und an ein Leben nach dem Tod bringe den Menschen seelisch in eine verzweifelte Lage. Diese Behauptung hört man immer wieder von christlichen Wortführern. Der Autor Urs Aeschbacher stellt sich der Behauptung eines „verzweifelten atheistischen Seelenzustand(es)“und beschreibt dafür seinen persönlichen Erfahrungshintergrund.

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Heiße Luft und Exkremente oder Das Zeitalter des Bullshits

Das Problem von Wahrheit und Lüge in der Politik ist kein neues. Und vielleicht sind auch die heute unter dem Titel „Postfaktizität“ diskutierten Phänomene viel weniger neu als wir geneigt sind anzunehmen. Der nordamerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt hat seinen kurzen Text „Bullshit“ zum ersten Mal 1996 veröffentlicht, aus heutiger Sicht erscheint sein Inhalt ungeheuer hellsichtig. Ralf Schöppner hat es neu gelesen und beschreibt anhand einiger Beispiele, die Strategie Bullshit von Lüge abzugrenzen.

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Die Spirale der Gewalt

Nun liegt sie also auch in Deutschland wieder auf dem Tisch: die militärische Karte. Der Bundestag hat mit großer Mehrheit beschlossen, dass deutsche Soldaten auch in Syrien ihrem zweifelhaften Beruf nachgehen sollen – weil, so die offizielle Begründung, wir uns Frankreich gegenüber solidarisch verhalten müssen. Und da der französische Präsident nach den jüngsten Anschlägen in Paris zum Krieg geblasen hat, heißt Solidarität nunmehr Kriegsbeteiligung. Quasi über Nacht ist der Einsatz der Bundeswehr im Kampf gegen den IS vom gut begründeten Tabuthema zum scheinbar alternativlosen Gebot der Stunde avanciert. Kritische Stimmen am Kurs Frankreichs sind, falls es sie gibt, verstummt, und wieder einmal ist es die Angst davor, anderen vor den Kopf zu stoßen, die uns kopflos werden lässt – mit vorhersehbar negativen Folgen, für alle Beteiligten.

Natürlich ist die momentane Sicherheitslage ernst und der Handlungsdruck für die Regierenden außergewöhnlich hoch. Und selbstverständlich ist es richtig, Frankreich zur Seite zu stehen. Aber was genau heißt das eigentlich: Jemandem beistehen? Verlangt ein solcher Beistand, seine eigenen Prinzipien über Bord zu werfen? Waren die Gründe, die bisher gegen eine direkte militärische Einmischung Deutschlands in Syrien sprachen, keine guten Gründe? Wäre es nicht möglich, an diesen Gründen festzuhalten und dennoch Frankreich beizustehen?

Es gäbe unzählige Dinge, die getan werden müssten, um das Phänomen des Terrorismus auf lange Sicht zurückzudrängen. Sich verstärkt den Menschen zuzuwenden, die sich letztlich auch aus einem Mangel an Zuwendung und Perspektive radikalisieren, wäre eine riesige und wichtige Aufgabe und zugleich ein großer Beweis deutscher Solidarität gegenüber Frankreich. Was spräche dagegen, dass sich Deutschland mit Ideen, Geld, und Personal daran beteiligte, die Situation in manchen französischen Vorstädten zu entschärfen? Solidarität könnte bedeuten, die besonders schwierige Lage in Frankreich und Belgien zum gemeinsamen Projekt in Europa zu machen – wovon alle miteinander profitieren könnten. Auf diese Weise ließe sich sehr wahrscheinlich mehr Gutes erreichen als durch militärische Manöver; vor allem zöge es nicht neues Schlechtes nach sich. Vor gar nicht langer Zeit war man sich in Deutschland sicher, dass die militärische Option keine Option sei, weil wir längst aus Erfahrung wissen, dass Gegengewalt, mag sie technisch auch noch so ausgefeilt sein, die Spirale der Gewalt nur immer weiter nach oben treibt. Hat sich an dieser einfachen Logik irgendetwas geändert? Nein. Man muss kein überzeugter Pazifist sein, um die Sackgasse zu erkennen, in die Gegengewalt führt. Auch diesmal werden Soldaten sterben, Zivilisten, und natürlich werden sich infolge des Krieges wieder neue Menschen einer Ideologie zuwenden, die sich geschickt zu inszenieren weiß als vermeintlich ehrliche Alternative zum allzu oft verlogenen Westen. Dies wiederum ist die Garantie für neue Anschläge. Warum hat Deutschland nicht die Stärke und den Mut, sich gegen die neuerlich aufkommende Gewaltbereitschaft des Westens aufzulehnen und seine Kraft auf die Dinge zu lenken, die wirklich Erfolg versprechend wären und in Einklang stünden mit jenen Werten, auf die wir uns gerade hierzulande so gerne berufen? Deutschland könnte das Land sein, das sich nicht hinreißen lässt zu den Methoden der Steinzeit. Deutsche Politiker könnten es sein, die an die Öffentlichkeit treten und sagen, dass auch die glühendsten Anhänger des IS nicht aufhören, Menschen zu sein wie wir. Stattdessen ist von Mördern die Rede, von Monstern – verständlich vor dem Hintergrund der schrecklichen Taten. Doch indem wir so sehr polarisieren und die Kluft zwischen denen und uns verabsolutieren, zeigen wir im Grunde nur, dass wir moralisch nicht reifer sind als sie, die momentan unsere Feinde sind.

Was könnte es für eine Wirkung erzielen, wenn wir den hasserfüllten Kämpfern des IS nicht so begegnen würden, wie sie es zur Aufrechterhaltung ihrer inhumanen Ideologie brauchen, nämlich ebenfalls hasserfüllt und gewaltbereit, sondern wenn wir sie unmissverständlich wissen ließen, dass wir nicht aufhören werden, sie als Menschen zu respektieren? Diese Haltung wäre möglich, ohne deshalb die Taten als solche zu relativieren. Terror ist durch nichts zu rechtfertigen, und wir müssen selbstverständlich deutlich machen, dass wir Gewalt und Hass nicht tolerieren. Aber tun wir das aufrichtig, indem wir selbst zu den Waffen greifen und in die Kriegsmetaphorik verfallen? Vielleicht ist es an der Zeit, sich an ein humanistisches Prinzip zu erinnern, das vor gar nicht so langer Zeit auf beeindruckende Weise von Mohandas K. Gandhi vorgelebt wurde. Gandhi hat damals der Welt gezeigt, wie mächtig und wirkungsvoll der Gewalt die Stirn geboten werden kann, wenn man selbst aus Überzeugung auf Gegengewalt verzichtet. Dabei hat er sich nicht passiv verhalten, hat das Übel nicht tatenlos geschehen lassen, sondern er hat sich aktiv zur Wehr gesetzt, ist bewusst und offen in die Auseinandersetzung mit dem Gegner gegangen, doch stets unter Wahrung des obersten Prinzips: der Gewaltlosigkeit. Nach nunmehr fast fünfzehn Jahren „War on Terror“ und einer Bilanz, die ernüchternder kaum ausfallen könnte, wäre es vielleicht an der Zeit, dass wir unser bisheriges Vorgehen schonungslos hinterfragen und anfangen, das Prinzip der Gewaltlosigkeit nicht als schöne, aber lebensferne Idee, sondern als ernst zu nehmendes realpolitisches Mittel zu betrachten. Nicht zuletzt mit Blick auf unsere Kinder, deren Zukunft stark abhängen dürfte von den Entscheidungen, die wir heute treffen, sollten wir alles daransetzen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.

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Humanismus als Beruf

Das Studium der Humanistik in den Niederlanden.

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Bildunterschrift

Im Zentrum der niederländischen Stadt Utrecht liegt seit 1989 die Universität für Humanistik, an der ein wissenschaftliches Studium der Humanistik möglich ist. Hervorgegangen ist die Universität aus einem Ausbildungsinstitut für Humanistische BeraterInnen, dem Humanistisch Opleidingsinstituut (HOI).

Humanistik ist ein staatlich anerkannter Studiengang, der, aufgegliedert in Bachelor- und Masterstudium, HumanistikerInnen ausbildet, die dann als Humanistische BeraterInnen, LebenskundelehrerInnen, TrainerInnen, Coaches, WissenschaftlerInnen und UnternehmensberaterInnen arbeiten. Im Studium wird neben den theoretischen auch auf praktische Kompetenzen Wert gelegt. Grundlage und Inspiration für alle Aspekte des Studiums sind humanistische Werte und ihre Diskussion.

Geschichte und Kontext

Die Entstehung der Universität für Humanistik ist im Kontext der Entwicklungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu verstehen, aus denen heraus sich ein institutionalisierter Humanismus bilden konnte.

Aus einer Bewegung um den Widerständler Jaap van Praag entstand der Wunsch, Menschen gegen den Einfluss von totalitären Massenbewegungen wie dem Nationalsozialismus geistig zu wappnen. Van Praags Annahme war, dass Menschen weniger Gefahr liefen, zu Mitläufern eines Terrorregimes zu werden, wenn man sie befähigen könnte, selbst kritisch zu denken. Diese Widerstandskraft des Geistes konnte seiner Meinung nach durch weltanschauliche Begleitung entstehen. Aufgrund der steigenden Zahl konfessionsloser Menschen befand er es für nötig, gerade diesem Teil der Bevölkerung eine Grundlage für eine ethische Orientierung zu bieten, da sie bisher im nach christlichen Konfessionen strukturierten Land noch wenig institutionelle Angebote vorfanden.

Aus diesen Überlegungen heraus entstand ab den 1950er Jahren unter dem Dach des Humanistischen Verbandes die Humanistische Beratung. Sie war als humanistische Parallele zur kirchlichen Seelsorge konzipiert und wurde vom Glauben an Selbstbestimmung und die Möglichkeit eines menschenwürdigen Lebens in jeglicher Lebenssituation getragen.

Nachdem die Tätigkeit zu Beginn von Ehrenamtlichen ausgeführt wurde, entstand in den 60er Jahren als Unterinstitut des Humanistischen Verbandes das Ausbildungsinstitut für hauptamtliche Humanistische BeraterInnen, das Humanistisch Opleidingsinstituut. Die zunächst dreijährige Ausbildung wurde von den Ministerien für Verteidigung und Justiz anerkannt und diente als Berechtigung für die Arbeit als Humanistische/r BeraterIn mit Soldaten und Gefangenen.

1967 kam die Lehrbefugnis für den Humanistischen Lebenskundeunterricht als Ausbildungsziel hinzu und 1980 wurde die inzwischen staatlich als Berufsausbildung anerkannte Ausbildung auf vier Jahre verlängert. Im Zuge der methodischen und theoretischen Weiterentwicklung des Berufs entstanden in den 80er Jahren Bestrebungen, die Ausbildung inhaltlich und formal auf akademisches Niveau zu bringen.

Um die Berechtigung dieses Zieles zu untermauern, beriefen HOI und der Humanistische Verband sich auf Gleichberechtigung mit den theologischen Studiengängen. 1986 beurteilte der damalige Bildungsminister die Anfrage positiv und nach mehrjähriger Prozedur entstand zum akademischen Jahr 1989/90 die Universität für Humanistik mit staatlicher Anerkennung und größtenteils staatlicher Finanzierung.

Inzwischen ist die Universität 26 Jahre alt, in ein anderes Gebäude umgezogen und auf aktuell rund 500 Studierende und circa 60 WissenschaftlerInnen gewachsen. Die Atmosphäre ist weiterhin gemütlich und informell und die Motivation unter Studierenden und Lehrenden hoch.

Im Vergleich zur übrigen Universitätslandschaft fällt die normative Ausrichtung von Forschung und Lehre als identitätsstiftend auf. Nach dieser historischen Übersicht über die Entstehung der Universität folgt in den nächsten Absätzen eine Beschreibung der Studiengänge.

Struktur und Inhalte

Die Universität für Humanistik bietet einen dreijährigen Bachelorstudiengang der Humanistik und einen ebenfalls drei Jahre langen Masterstudiengang an, jeweils mit dem Abschluss Bachelor bzw. Master of Arts. Alternativ ist es möglich, aufgrund eines anderen Studienabschlusses über einen einjährigen qualifizierenden „Premaster“ (45 ECTS) Zugang zum Masterstudiengang zu erhalten. Zusätzlich gibt es seit 2013 einen einjährigen berufspraktischen Masterstudiengang mit dem Titel „Zorgethiek en beleid“ – in etwa „Care-Ethik im Organisationskontext“.

Bachelor Humanistik

Der Bachelor besteht aus 180 europäischen Studienpunkten (ECTS), wovon 165 ECTS einem festgelegten Stundenplan folgen und 15 ECTS in frei wählbaren Veranstaltungen, auch anderer Universitäten und Studiengänge, zu belegen sind. Die Veranstaltungen gliedern sich in Vorlesungen, Projektarbeit und praktische Übungsveranstaltungen/Trainings auf. Abgeschlossen wird der Bachelor mit einer Bachelorarbeit im Umfang von 10 ECTS.

Sinngebung und Humanisierung

Die Inhalte des Bachelors sind anhand zweier „roter Fäden“ strukturiert: Sinngebung und Humanisierung. Diese thematischen Schwerpunkte werden beide aus verschiedensten disziplinären Perspektiven beleuchtet. So fließen sowohl die Geschichte des Humanismus und humanistischer Praxis mit ein als auch philosophische, psychologische, soziologische und religionswissenschaftliche Erkenntnisse und deren kritische Reflexion. Die Veranstaltungen machen zusammen 90 ECTS aus.

Unter dem Thema Sinngebung liegt der Schwerpunkt auf Fragen nach Sinn und der menschlichen Existenz. Dabei rücken verschiedene Themen in den Vordergrund wie z.B. Identität und Existenz oder das „gute Leben“. Gleichzeitig werden Theorie und Geschichte verschiedener Weltanschauungen kritisch betrachtet.

Der Begriff Humanisierung meint hingegen die (Un-)Möglichkeiten eines menschenwürdigen Lebens – sei es im Kontext der Gesellschaft, von Arbeit und Organisationen oder im globalen Kontext. Themen wie der Versorgungsstaat und Ethik im beruflichen Kontext fallen hierunter, ebenso Kosmopolitismus und Diversität.

Persönlichkeitsbildung

Ergänzt werden diese thematischen Linien von Trainings, die auf Persönlichkeitsentwicklung und Erweiterung der „Softskills“ zielen (22,5 ECTS über drei Jahre). Hierzu gehören unter dem Titel „Akademische und Arbeitsmarktorientierte Fähigkeiten“ Gruppendynamik, (Selbst-) Reflexion, Gesprächsführung, Präsentations- und Argumentationsfähigkeiten. Diese Veranstaltungen finden in kleinen Gruppen von 10 bis 15 Teilnehmenden statt, denn es ist essentiell, sich darin als Person einzubringen – hier geht es nicht um theoretisches Lernen, sondern um ein Kennenlernen der eigenen Person mit ihren Stärken und Potenzialen, ihren Wahrnehmungsmustern und Prägungen.

Das Studium ist auf diese Weise eine Kommunikationsschule der besonderen Art: über Selbsterfahrung, ähnlich wie in einer psychotherapeutischen Ausbildung, entwickeln sich die Studierenden dahingehend, bewusst kommunizieren zu können, und diese Fähigkeiten aus der eigenen Persönlichkeit heraus sowohl in beraterischen Einzelgesprächen als auch als ModeratorIn oder TrainerIn in Gruppen professionell einsetzen zu können.

Wissenschaftliche Methoden

Den dritten Bestandteil des Studienganges macht der wissenschaftsmethodische Teil des Curriculums aus. Über die drei Jahre des Bachelors hinweg beansprucht dieser 42,5 ECTS. Behandelt werden Theorie und Methoden sozialwissenschaftlicher Forschung, wobei der Schwerpunkt auf qualitativer Forschung liegt. Vertieft werden außerdem Kenntnisse in historischer, philosophischer und praxisorientierter Forschung und Ethik in Wissenschaft und Forschung.

Master Humanistik

Auch der Masterstudiengang hat einen Umfang von 180 ECTS und dauert drei Jahre. Seine Ziele und Inhalte orientieren sich an den Berufsfeldern, in denen HumanistikerInnen Arbeit finden: Humanistische Lebensberatung, Bildung (sowohl schulisch als außerschulisch), Organisationsberatung und -entwicklung sowie Forschung und Wissenschaft.

Wiederum ziehen sich Sinngebung und Humanisierung durch das Curriculum. Dabei geht es um aktuelle gesellschaftliche Fragen, die Konflikte auf diesen Gebieten thematisieren. Mit theoretischen Perspektiven aus Sozial- und Kulturpsychologie, Pädagogik, Sozial- und Politikwissenschaft, Theorien zu Religionen und Weltanschauungen, Ethik und Wissenschaftstheorie werden aktuelle Fragen analysiert und erforscht. Des Weiteren wird dieses theoretische Wissen mit Fähigkeiten des praktischen Humanismus verknüpft. Strukturierend wirken dabei drei Niveaus, auf denen die Arbeit stattfinden kann: individuell, mit Gruppen und auf Organisationsebene.

Mit „individuell“ sind vor allem Situationen im direkten Gesprächskontakt zu einer anderen Person gemeint. Kompetenzen auf diesem Gebiet sind essentiell im Feld der humanistischen Lebensberatung und werden auch im Master ausführlich in Gesprächsführungspraktika trainiert und reflektiert. Wissen über Gruppendynamik und Kompetenzen als GruppenleiterIn/TrainerIn können sowohl in der Humanistischen Lebensberatung als auch im Organisationsumfeld wichtig sein, am deutlichsten werden sie aber in Bildungskontexten gebraucht.

Auf Organisationsebene geht es ebenfalls um die Fähigkeit, gut kommunizieren zu können, außerdem eignen sich Studierende Wissen an über „Funktionsweisen“ von Gruppen und Organisationen und erproben Lösungsansätze für Blockaden in Kommunikation und strukturellen Abläufen.

Im Master stehen außerdem im ersten Jahr Geschichte und Aktualität humanistisch- weltanschaulicher Traditionen, im zweiten Jahr ein Praktikum (im Umfang von 22,5 ECTS) und im dritten Jahr die Masterarbeit (22,5 ECTS) sowie Forschungsmethoden zentral. Auch hier gibt es Wahlmöglichkeiten für weitere Module innerhalb und außerhalb der Universität für Humanistik (22,5 ECTS).

Berufsmöglichkeiten

AbsolventInnen der Humanistik sagen, dass das Besondere ihrer Qualifikation vor allem eine Haltung sei. So äußerte ein Absolvent, gefragt nach dem Wert seines Studiums: „Die Reflexivität, die ich hier gelernt habe, und der kritische Blick auf die Dinge; sich trauen, Fragen zu stellen. (…) Was ich im Vergleich zu meinen Kollegen häufig merke, ist, dass ich imstande bin, nicht so schnell zu urteilen, nicht gleich in Schubladen zu stecken.“ Jemand anderes ergänzt: „Ein guter Grund, Humanistik zu studieren, ist, dass man lernt, mit Unsicherheit und Veränderung umzugehen“.

Mit dieser Haltung sind AbsolventInnen für Tätigkeiten in verschiedenen Bereichen qualifiziert, die hierunter nacheinander vorgestellt werden.

Humanistische Beratung

Humanistische Beratung stellt in den Niederlanden eine humanistische Alternative zur religiösen Seelsorge dar und wird im Gesundheitswesen (z.B. in Krankenhäusern, Pflegeheimen, in der Psychiatrie), in Gefängnissen und beim Militär angeboten – ähnlich wie in Deutschland die kirchliche Seelsorge oder auch die Psychoonkologie. Außerdem gibt es Berufsmöglichkeiten als Vertrauensperson (z.B. an Hochschulen) oder Coach, sowohl angestellt als freiberuflich.

Humanistische BeraterInnen bieten Begleitung bei Lebensfragen, wie sie unter anderem rund um Verlusterfahrungen, neue Lebensabschnitte und ähnlich eingreifende Situationen entstehen. Es ist möglich, sich nach der Ausbildung parallel zur kirchlichen Bindung als Amtsträger des Humanistischen Verbandes anerkennen zu lassen und dann als Repräsentant des Verbandes den Beruf auszuüben. Genau wie andere SeelsorgerInnen haben humanistische BeraterInnen ein Berufsgeheimnis, das KlientInnen Schutz bietet.

Grundsätzlich werden alle Menschen beraten, unabhängig von ihrer weltanschaulichen Zugehörigkeit. Das Angebot wendet sich aber explizit an Menschen, die nicht religiös sind und dementsprechend ein seelsorgerliches Angebot suchen, innerhalb dessen sie nicht mit Ideen konfrontiert werden, die sich nicht mit ihrer eigenen Weltanschauung vereinbaren lassen. Auch von staatlicher und institutioneller Seite wird die Vielfalt der nebeneinander bestehenden Weltanschauungen in diesem Bereich als Wert gesehen – und davon werden humanistische bzw. religionslose Menschen nicht ausgeschlossen.

Im Unterschied zu psychologischer Beratung steht der Blick auf Sinn und Lebensorientierung im Mittelpunkt und spielen Diagnostik und Therapie keine Rolle.

Fragen, die an die Humanistische Beratung herangetragen werden und dort Raum finden können, sind im Gesundheitswesen beispielsweise „Warum trifft die Krankheit gerade mich?“ „Wie kann ich eine Haltung zum Sterben entwickeln?“ „Woher nehme ich die Kraft, um schwierige Zeiten durchzustehen?“ oder „Wer bin ich, wenn ich einen Teil meiner körperlichen oder geistigen Unabhängigkeit und Kraft verliere?“

Bildung

In der Bildung eröffnen sich Arbeitsmöglichkeiten überall dort, wo es um Identitätsbildung, Ethik, Weltanschauung und demokratisches Zusammenleben in globalen Strukturen geht. Eine Möglichkeit ist, über eine Zusatzqualifikation im schulischen Kontext im humanistischen Lebenskundeunterricht (humanistisch vormingsonderwijs) zu arbeiten, eine andere, an Hochschulen Praxisseminare zu Gruppendynamik, Ethik, Gesprächsführung oder Berufsidentität zu geben. Natürlich sind auch außerhalb des Schulkontextes Tätigkeiten als Trainer oder Coach denkbar und ist es möglich, im Hintergrund des schulischen Geschehens forschend oder konzeptionell zu arbeiten.

Forschung

In Forschung und Wissenschaft sind HumanistikerInnen auf allen für die Humanistik relevanten Feldern anzutreffen, vor allem in den Themenfeldern Weltanschauung und Religion in der heutigen Zeit. Arbeitgeber sind Hochschulen und Universitäten, Regierungsinstitutionen, politische Parteien und gesellschaftliche Institutionen, aber auch Medieneinrichtungen oder weltanschauliche Verbände.

An der Universität für Humanistik selbst gibt es im Moment drei Lehrstuhlgruppen zu folgenden Themengebieten und Unterthemen:

  1. Kulturelle Dynamik: Bildungsforschung, Bürgerschaft und Humanisierung des öffentlichen Sektors, Globalisierungsforschung;
  2. Pflege und Wohlfahrt: Humanistische Beratung, Care-Ethik;
  3. Grundlagen und Methoden: Humanistische Traditionen, sinnvoll leben, gut älter werden.

Unternehmensberatung

In der Unternehmensberatung haben HumanistikerInnen Wissen auf dem Gebiet von Organisationstheorien zu bieten, sowie einen kritischen Blick auf Management und Organisationen. Arbeitsmöglichkeiten ergeben sich in sämtlichen Kontexten, wo organisiert wird, bzw. wo organisierte Strukturen bestehen. Das kann als Berater sein, speziell wenn es um Begleitung im Umgang mit Fragen nach Sinn, Werten, Ethik oder Zusammenarbeit geht oder die Humanisierung (von Teilen) der Organisation befördert werden soll. Auch Tätigkeiten in der Organisationsforschung sind denkbar, ebenso wie eine Mitarbeit in der Entwicklung von Leitlinien und Organisationszielen.

Neben Firmen der freien Wirtschaft sind auch Nichtregierungsorganisationen oder öffentliche Träger mögliche Arbeitgeber, vor allem im Bereich der staatlichen Zuständigkeitsbereiche Pflege und Gesundheitswesen.

Vergleich mit Deutschland und Ausblick

Nach dieser Übersicht über das Humanistik-Studium und berufliche Einsatzfelder von HumanistikerInnen folgt nun als Abschluss noch einen Blick auf die Situation in Deutschland. Bisher gibt es hierzulande noch keine Möglichkeit, Humanistik zu studieren. Das soll allerdings nicht heißen, dass es nicht schon Möglichkeiten gibt, auf Basis einer humanistischen Ausbildung professionelle Arbeit zu verrichten.

In Berlin und Brandenburg sowie in Bayern stellt der Lebenskunde-Unterricht ein explizit humanistisch geprägtes Berufsfeld dar, das dem niederländischen „humanistisch vormingsonderwijs“ entspricht. Die Aus- und Weiterbildungsangebote des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg in Form eines viersemestrigen Ergänzungsstudiengangs sowie einer einjährigen berufspraktischen Weiterbildung bereiten (angehende) Lehrkräfte darauf vor. Des Weiteren und anders als in den Niederlanden, bildet in Berlin die Humanistische Fachschule für Sozialpädagogik seit 2012 staatlich geprüfte ErzieherInnen aus, von denen ein großer Teil anschließend in Kitas des Humanistischen Verbandes arbeitet.

Was die Humanistische Beratung betrifft, so gab es auf Projektbasis beim Humanistischen Verband in Berlin ein ehrenamtlich getragenes Angebot der humanistischen Beratung, das inzwischen abgeschlossen ist. Des Weiteren besteht ein Weiterbildungslehrgang in Systemischer Beratung, der um eine spezifisch humanistische Ausrichtung zu ergänzen wäre. Alternativ könnten Felder wie die Psychoonkologie in diesem Bereich Betätigungsfelder bieten.

Wenn wir auf den dritten Bereich, die Forschung, blicken, gibt es in Deutschland eine aktiv betriebene Humanismus-Forschung. Hiervon zeugen unter anderem die Schriftenreihen und die Online-Zeitschrift humanismus aktuell der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg und ein Humanismus-Kolloqium an der Freien Universität Berlin. Bisher steht allerdings noch kein eigenes Institut für Humanistik zur Verfügung.

Zu guter Letzt gibt es im Bereich Organisationsberatung und -entwicklung bisher noch keine humanistisch geprägten Aktivitäten oder Berufsmöglichkeiten.

Es ist zu wünschen, dass sich auch in Deutschland Humanistik als anerkannte Disziplin und berufliche Qualifizierung entwickeln kann. Vielleicht kann dabei die Universität für Humanistik in Utrecht als Kooperationspartner dienen und mit ihrer Geschichte Orientierung bieten.

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