
Ökohumanismus in erweiterter Perspektive
Eine Auseinandersetzung mit dem Ökohumanistischen Manifest „Über unsere Zukunft in der Natur“ von Pierre L. Ibisch und Jörg Sommer
Autor: Karl Bruckmeier
In diesem Aufsatz geht es um eine detaillierte, kritische und wissensbezogene Auseinandersetzung mit der Argumentation des ökohumanistischen Manifests von Ibisch und Sommer. Solche Detailliertheit erscheint sinnvoll, um Stärken und Schwächen des Textes genauer erfassen zu können. Das Manifest, dem ein Apell „Für einen globalen Ökohumanismus“ im Internet vorausging, erhielt Zustimmung prominenter Wissenschaftler, Publizisten und Umweltaktivisten, darunter Ulrich von Weizsäcker und Franz Alt. Beide haben sich auf ein ähnliches Unterfangen eingelassen: ein Sachbuch, um angesichts des geplünderten Planeten und der ökologischen Katastrophen die Menschen von notwendigem Handeln zu überzeugen und sie dazu zu motivieren.
Der Ökohumanismus ist nach Angaben der Autoren des Manifests bisher eher im nichteuropäischen Ausland vertreten. Doch sind an die Öffentlichkeit gerichtete Appelle in Form von ökologisch und humanistisch orientierten Manifesten, in den letzten Jahrzehnten öfters erschienen, auch in Deutschland. Als frühes ökohumanistisches Dokument kann das humanistische Manifest von Paul Kurtz angesehen werden, welches einige Prinzipien ethisch orientierten Handelns in Bezug auf die Natur formuliert. Der Ökohumanismus hat auch Vorläufer in der ökologischen Ethik.
Ein christliches ökologisches Manifest wurde in Deutschland 1984 publiziert, das „Manifest zur Versöhnung mit der Natur“, welches aus den biblischen Texten des alten und des neuen Testaments und der besonderen Stellung des Menschen in der Schöpfung dessen Verantwortung herleitet, die Natur zu hüten und zu bewahren.
Von österreichischen Umweltschützern stammt das „Grazer Manifest zur Natur-Kultur: die öko-soziale Kompetenz“ von 2005, das mit der Weisheit der Natur oder Ökosophie und einer ganzheitlichen Sicht der Natur argumentiert. Das Manifest des evolutionären Humanismus von Schmidt-Salomon fordert ähnlich wie das ökohumanistische Manifest eine umfassende, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmende und ethisch begründete Menschen- und Weltauffassung. „An Ecomodernist Manifesto“ von 2015 folgt, im Unterschied zu vielen Umweltbewegungen, einem ökonomischen Denken, in dem die Umweltprobleme durch Wissen und technologische Innovationen gelöst werden sollen.
Die päpstliche Enzyklika „Laudato si“ von 2015 kann als christliche Variante ökologischen Denkens ebenfalls unter die ökologischen Manifeste gerechnet werden; sie fordert im Sinn einer ganzheitlichen Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialökologie Ähnliches wie das hier besprochene Manifest. Das terrestrische Manifest von Latour 2018 argumentiert für eine radikal materialistische Politik, die neben der ökonomischen Produktion auch die ökologischen Bedingungen der menschlichen Existenz einbezieht. Das Manifest für ein ökologisches Erwachen, 2018 von französischen Studenten initiiert, ruft dazu auf, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, sich zusammenzuschließen, die ökologische und soziale Utopie zu leben, um die Katastrophe doch noch zu verhindern. Von Brücks Interkulturelles Ökologisches Manifest von 2020, auf den spirituellen Kulturen Europas, Indiens und Chinas aufbauend, argumentiert ähnlich wie das ökohumanistische Manifest für eine Veränderung unserer Lebensformen und eine Erneuerung unseres Selbstverständnisses als Menschen. Das Manifest des ökologischen Humanismus des Mediziners Biedrawa von 2021 geht deutlicher als das hier diskutierte auf politisches Handeln ein, ist auch an Regierungen adressiert mit dem Appell zu friedenserhaltender Zusammenarbeit. Das Memorandum zur Entstehung einer ökologischen Klasse von Latour und Schultz 2022 bezieht sich auf die politische Ökologie, um umweltbezogene Probleme und Konflikte mit Hilfe gesellschaftsbezogenen sozialwissenschaftlichen Wissens zu lösen. Das gegen die „industrielle Zivilisation“ gerichtete Manifest für eine ökologische Zivilisation von Kopytin und Gare ist die Grundlage eines Szenarios zum Aufbau einer Kultur, die auf dem Potential der Menschen beruht, um Schritte zu einer Bewahrung des Lebens auf der Erde einzuleiten. Das ökofeministische Manifest „Frieden mit der Erde schließen“ von Shiva stimmt mit vielen Auffassungen des ökohumanistischen Manifests überein und ruft zum Handeln in generationenübergreifender Verantwortung auf, um Ernährungssicherheit und eine Wirtschaft der Fürsorge aufzubauen.
Zur Beschreibung des Ökohumanismus werden im Manifest abstrakte Begriffe verwendet, unter anderem: Weltanschauung, Weltbild, Philosophie, Ideologie, Werte, Prinzipien, (geerdetes) Denken, Idee, Konzept (der nachhaltigen Entwicklung), Glaube (an den Menschen). Zur Verortung im humanistischen Denken heißt es, die Verknüpfung von Humanismus und Ökologie „greift alte humanistische Bildungsideale auf, aber fügt sie in ein aktuelles, wissensbasiertes Weltbild ein“ (S.8). Das Manifest betont die Notwendigkeit eines grundsätzlichen Umdenkens aller Menschen, um die Zerstörung der Natur zu beenden. Es stimmt damit in den großen Chor der Kritiker des wirtschaftlichen Wachstums und der gegenwärtigen Formen der Ressourcennutzung ein. „Unsere globalisierte, rücksichtslose, auf Organisation von Ungleichheit basierte Welt… treibt ungebremst die Klimakrise voran. Sie kann für die meisten Menschen der Welt weder Nahrung noch Wasser, Bildung, Gesundheit oder Frieden gewährleisten.“ (S.7). Die Ziele des Manifests sind denen einflussreicher Umweltorganisationen ähnlich; so ruft etwa der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland zu einem „Aufbruch in eine ökologisch und sozial gerechte Welt“ auf.
Das Manifest folgt keinem agitatorischen Stil und Aufruf zu militantem Aktivismus, was seinem humanistischen Denken entspricht. Der Epochenwandel, der die gegenwärtigen ökologischen und sozialen Krisen verursachte, auf die das Manifest Bezug nimmt, wird seit einem Vierteljahrhundert diskutiert als „Anthropozän“, das „Zeitalter der umfassenden und komplexen Manipulation des globalen Ökosystems“. Das Manifest will die Grundlage einer Philosophie des Anthropozän liefern (S.8), was in den separaten Erläuterungen von Ibisch und Sommer konkretisiert wird. Mit dem Anspruch eine positive und ermutigende Alternative zu den von Krisen und Katastrophen geprägten ökologischen Debatten zu schaffen, und dem Wunsch, Frustration in Motivation zu verwandeln, erfüllt das Manifest ein verbreitetes Bedürfnis. Es soll Überzeugungsarbeit leisten, wozu die bildhafte Sprache und knappe Formulierungen eher beitragen als ausführliche Erklärungen und Darstellungen der wissenschaftlichen Wissensgrundlagen. Doch wird am Ende zu fragen sein, wie sich die hohen Ansprüche des Manifests konkret verwirklichen lassen, und wie es sich einfügt in den internationalen ökologischen und ökohumanistischen Diskurs.
Die Schlussfolgerung aus der Übersicht über verschiedene Manifeste wäre: in den Zielen einander nahestehende Manifeste von ökologischen, wissenschaftlichen und ethischen Bewegungen zeigen keine gemeinsame Terminologie oder ähnliche Handlungsformen. Viele der Manifeste, auch das ökohumanistische, sind nicht eindeutig bestimmbar als politische, wissenschaftliche oder kulturelle Manifeste. Alle genannten Manifeste erinnern in einer Hinsicht an das klassische politische Manifest, das Kommunistische Manifest von Marx und Engels aus dem Jahr 1848: sie formulieren Voraussetzungen für und mögliche Wege in eine zukünftige sozial und ökologisch gerechte Gesellschaft, jedoch mit unterschiedlichen politischen, ökonomischen, oder ökologischen Vorstellungen.
Die weitere Auseinandersetzung mit dem Manifest erfolgt in drei Schritten: (1) Zusammenfassung und Kommentierung der drei Hauptteile des Textes, (2) Integration von Normen und Wissen – Natur und Mensch im Humanismus, (3) kritische Diskussion der Grenzen des Manifests.
Der gesamte Aufsatz steht Ihnen als zitierfähiges PDF zum Lesen und Downloaden zur Verfügung.
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