Survival of the Richest

Survival of the Richest

Warum wir vor den Tech-Milliardären noch
nicht einmal auf dem Mars sicher sind.
Douglas Rushkoff

Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin 2025
3. Auflage 2025, 282 Seiten, 22,00 Euro (D)
ISBN: 978-3-518-02999-2

Rezension: Edmund Fröse

 

Der Eskapismus der Tech-Milliardäre

Ein Buch, das noch haptisch ist, in dem man blättern, unterstreichen, es berühren und riechen kann, ist für manche junge Zeitgenossen ein Relikt aus längst vergangener Zeit, da es noch auf Papier gedruckt wurde. Bücher werden heute in digitaler Form auf digitalen Plattformen verkauft und sie werden in dieser digitalen Form gelesen. Dadurch sind viele Bücher fast schwerelos, und können in großen Mengen mit in den Urlaub genommen werden. Existieren sie wirklich? Aber was, wenn der Strom ausfällt? Die weitgehende Digitalisierung unserer Lebenswelt erscheint den jungen Leuten als vollkommen normal und als ein großer Fortschritt, denn die vielen kleinen digitalen Geräte erleichtern uns ja das Leben. Aber, welche sozialen, kulturellen und psychologischen Folge- und Nebenwirkungen nehmen wir mit der breiten Produktion und umfänglichen Nutzung dieser digitalen Endgeräte und ihrer Algorithmen in Kauf? Erzählen wir uns unsere menschliche Geschichte als einen unaufhörlichen Niedergang oder im Gedanken des Fortschritts und der Chancen zum Guten? Je nachdem, unter welchem Gesichtspunkt wir die Zukunft sehen, werden wir unterschiedlich handeln und die Gegenwart anders beurteilen.

Über den Autor und sein Framing

Douglas Rushkoff lehrt an der New Yorker Public University Medientheorie. Vom Massachusetts Institut of Technologie (MIT) wurde er zu den zehn einflussreichsten Intellektuellen weltweit gekürt. Er ist erfolgreicher Autor mehrerer Publikationen, verfasst Kolumnen und ist Dokumentarfilmer. Der Autor ist Gründer des Laboratory of Digital Humanism und Gewinner des Neil-Postman-Preises.1 Die Internetrevolution verfolgt er seit den Anfängen. Rushkoff interessiert sich für die Verflechtungen der Internet-Ökonomie mit dem Streben ihrer Protagonisten nach Macht und Geld und wie sie miteinander verflochten sind. Die digitale Technik sollte aus seiner Sicht eingesetzt werden, um soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit herzustellen, so seine humanistische Auffassung.

Douglas Rushkoff, der sich als „marxistischer Medientheoretiker“ (S. 13) bezeichnet, erhält eine Einladung von fünf Tech- Milliardären, um mit diesen Personen über die modernen digitalen Zukunftstechnologien in einem von der Zivilisation abgelegenen Ort zu sprechen. Im Gespräch sieht er sich Milliardären gegenüber, die in ihrer wirtschaftsliberalistischen, technisch-technologischen Vorstellung – ihrem „Mindset“ (S. 22) – gefangen und befangen sind. Die mannigfachen Krisen (S. 12) bedrohen nunmehr auch das Leben der Milliardäre. Sie erwarten von ihrem Gast, ihnen mögliche realistische Überlebensstrategien aufzuzeigen. Gefangen in ihrem Mindset wollen sie sich, um zu überleben, einbunkern; in den Weltraum ausweichen, so wie Elon Musk und Jeff Bezos; oder auf künstliche, schwimmende Inseln im Niemandsland der Weltmeere ausweichen (S. 36f). Diese Orte sind zugleich noch rechtsfreie Räume, Räume „gesetzloser Freiheit“ (S. 36). Es ist noch Neuland, das zu erkunden ist (S. 242) und keine Geschichte hat – hier können die Tech-Unternehmer ganz von vorne anfangen, ohne Rücksichten, ohne einen Staat. Diese apokalyptische Zukunftsvision, so der Autor, war „tatsächlich ein Gespräch über die Zukunft der Technologien“ (S. 14) und zugleich über die Zukunft der übrigen Menschen.

Diese private Gesprächssituation erinnert mich an die spätere öffentliche Situation bei der Amtseinführung Donald Trumps, als die Tech-Größen in nächster Nähe zum neuen Präsidenten standen. Ist dieses Bild das Symbol für eine neu anbrechende Zeit, einem machtpolitischen Umbruch antidemokratischer technokratischer Herrschaft, und einer durch den Handel und das Verknüpfen von Daten getriebenen Ökonomie und Finanzwirtschaft; einer neuen Weltordnung, in der die Macht des Stärkeren und nicht die Macht des Rechts gilt?

Zum Mindset passt das Bild auf dem Cover des Buches. Man sieht dort drei Personen in einer Glaskugel unter üppig wuchernden Pflanzen, abgeschirmt von ihrer Umwelt – sozusagen in einem künstlichen Habitat sitzen, das sich auch auf dem Mars befinden könnte. Aber, auf der Rückseite des Covers ist eine Erde vor einem dunklen Hintergrund zu sehen, die durchzogen ist von Rissen, und einige ihrer Teile verliert, die in die Weiten des Weltalls abtreiben. Soweit man sich auch einbunkern mag, man geht mit der Erde auch mit unter, ob Milliardär oder „Hungerleider“. Alle Menschen trifft das gleiche Schicksal, wenn sie nicht in den Weiten des Universums, z.B. auf dem Mars, eine neue Zuflucht finden.

Das techno-oligarchische Mindset

„Wie entstand dieses ‚Mindset‘? Wodurch war es hervorgerufen worden? Was besagt es? Wer sind seine wahren Gläubiger? Und was, wenn überhaupt, könnte man ihnen entgegensetzen?“ (S. 25). Diesen Fragen geht der Autor in seinem Buch nach und sucht nach Antworten. Aber nicht nur die Tech-Milliardäre sind dem Mindset verfangen, denn „das totalisierende Mindset“ prägt mittlerweile „unsere Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft“ und prägt „die mediale Umgebung, über die wir grundlegende Erkenntnisse erlangen und in der wir unsere Vorstellungen entwickeln. Dies ist die eigentliche Machtübernahme der Maschinen“ (S. 212).

Dieses Mindset wird in 13 kürzeren Kapiteln aus unterschiedlichen Sichtweisen und unter verschiedenen Schwerpunkten und Aspekten ausgelegt, beschrieben und seine widersprüchlichen Folgewirkungen aufgezeigt. Rushkoff bezieht sich dabei auf Ideen und Diskussionen mit den Google Gründern Larry Page und Sergey Brin; auf Mark Zuckerberg, dem Eigentümer von Facebook;auf Jeff Bezos, dem Gründer von Amazon;auf den Unternehmer Elon Musk mit eigenem Weltraumprogramm sowie dem Unternehmer und Investor Peter Thiel, der Mitbegründer des Online-Bezahldienst PayPal und zeitweise Geschäftsführer des Unternehmens war sowie auf Ray Kurzweil, der bei Google arbeitet, Anhänger des Transhumanismus ist und mehrere Bücher über Künstliche Intelligenz verfasste. Auch die Ideen von James Ehrlich, Gründer von ReGen Villages und Mitarbeiter an der Singularity University; von Gabe Newell, dem Gründer der Spieleplattform Valve; die Vorstellungen Richard Dawkins und des Begründers des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab werden vorgestellt und diskutiert. Denn das Mindset stützt sich wesentlich auf die von diesen Personen vertretenen Auffassungen und Vorstellungen zum Menschen- und Weltbild.

Zur Veranschaulichung und besserem Verständnis beschreibt Rushkoff seine persönlichen Erfahrungen, die er in Meetings, Gesprächen und kontroversen Diskussionen mit den Anhängern und Vertretern dieses Mindset gewonnen hat. Er diskutiert dabei unterschiedlichste Themen, wie z.B. das Problem der Energiewende, die geisteswissenschaftliche Bildung, die Internet-Ökonomie auch die Tendenz zur Isolation der Menschen, das einem selbstsüchtigen und isolationistischen Weltbild (S. 22) Vorschub leistet und die damit einhergehenden Widersprüche. Er verweist auf den Widerspruch zwischen der Verbesserung unseres Lebens durch den Einsatz der digitalen Technik einerseits und den ausbeuterischen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter und Arbeiterinnen, die diese Geräte herstellen, andererseits. Damit legt der Autor auch die Verknüpfung des Digitalen mit der realen Welt des Menschen offen. Das Digitale existiert nicht in einer Parallelwelt, sondern wirkt auf die Wirklichkeit zurück, z.B. wenn die Nutzung der Künstlichen Intelligenz noch mehr Strom verbraucht, der produziert werden muss. Der Erzähler kritisiert das funktionalistisch-digitale Bild vom Menschen, wie es R. Dawkins in einer Diskussion vertritt. Der Verfasser weist insbesondere auf die Rolle der empiristischen Wissenschaften, wie sie z.B. von Richard Dawkins bei der Etablierung seines naturalistischen Menschen- und Weltbildes vertritt, hin, „das sich von den Sinnsystemen abkoppelte“ (S. 88). Dies passt zum Geschäftsmodell „Menschen zu manipulieren, anstatt sie zu befähigen“ (S. 90). Die Ursprünge dieses Bildes vom Menschen sieht er in Francis Bacon „und die frühen empirischen Wissenschaftler“, die „keinen Aspekt der Natur anerkannten, der nicht quantifiziert werden konnte“, in dem „alles in Teile zerlegt“ wird (S. 132f). Gegen dieses quantifizierte, deterministische Welt- und Menschenbild bringt der Autor die Kybernetik ins Spiel. Die Entdeckungen der Kybernetik „sollte uns die Augen öffnen für das regenerative Potenzial geschlossener Kreisläufe“ (S. 247), die nicht auf Wachstum angewiesen sind (S. 250). Geschlossene natürliche Energie- und Stoffkreisläufe mit Rückkopplungen werden seit vielen Jahren von der Ökologie untersucht und über geschlossene Wirtschaftskreisläufe wird auch in der Ökonomie seit einiger Zeit diskutiert. Aber, können wir lernen, solche regenerativen Prinzipien, die nicht auf Wachstum angelegt sind, zu erkennen und sie erfolgreich auf unsere menschliche ökonomische Wirtschaftsweise anzuwenden, fragt Rushkoff? (S. 248).

Der Autor geht auch der Frage nach: wie konnte aus dem utopischen Traum der Freiheit des Internets bei den Pionieren eine auf der Ausbeutung des Menschen und der Natur sowie ein System der Überwachung und Manipulation der Aktivitäten des Menschen werden? Technologien, Messaging und digitale Plattformen sind „als Werkzeuge des Mindset allgegenwärtig“ und erzeugen „Misstrauen und Ressentiment“ (S. 203) sowie Polarisierung und Desinformation (S. 212). In diesem Zusammenhang werden die Theorien der Verhaltensforscher Brian Jeffrey Fogg und Gregory Bateson, des Psychologen Burrhus Frederic Skinner und des Medienwissenschaftlers Walter Lippmann diskutiert. Rushkoff zeigt und beschreibt wie die digitalen Technologien und Plattformen im Zusammenspiel mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise unser aller Leben, im wahrsten Sinne des Wortes, auf den Kopf gestellt haben.

Moderne digitale Unternehmen stellen keine materiellen Produkte wie Flugzeuge oder Lastwagen her, vielmehr verknüpfen sie Daten und Informationen und verkaufen diese auf Plattformen, „sie waren Meta gegangen“ (S. 125). Oder sie verdienen Geld „mit der Aktivität ihrer Benutzer, anstatt in eigene Mitarbeiter zu investieren“ (S. 125). „Wenn man Wert2 am besten Schaffen kann, indem man Meta geht, werden die über die Welt gesammelten Daten wichtiger als alles, was sich in der realen Welt befindet. Futures auf Schweinebäuche sind fungibler und skalierbarer als tatsächliche Schweinebäuche“ (S. 130). Meta-gehen bedeutet, die vorhandenen Dinge oder Daten, die gehandelt werden, in weitere Daten zu verwandeln oder zu komprimieren. Denn die Reduzierung der Realität auf Daten und der Menschen auf Genotypen passt zum kapitalistischen Imperativ, alles in eine für den Markt geeignete Form zu bringen. Nicht mehr Elementarteilchen, Atome oder Moleküle sind die letzten Bestandteile der Welt, sondern Daten und Informationen. So sind informationsverarbeitende Systeme, die Daten und Informationen schneller und in größeren Mengen als der Mensch verarbeiten, die nächsthöhere Evolutionsstufe, die in einer allwissenden Künstlichen Intelligenz mündet.

Mit der digitalen Ökonomie entsteht eine „mehrschichtige Verschleierung“ zwischen unseren Entscheidungen und Handlungen sowie den realen Auswirkungen auf die Welt, die „eine umfassendere Externalisierung des Schadens“ ermöglicht (S. 77). Wobei hier der Begriff „Schaden“ ein Euphemismus für die Ausbeutung und Beherrschung der Natur und des Menschen ist – es geht um das reale Leben von Millionen Menschen. So gaukelt uns Nutzern die Augmented Reality (AR) eine „neue virtuelle Haut der Welt“ vor, die zur Folge hat, „dass Unternehmen nicht existieren, solange sie nicht für ihren Platz in der visuellen Welt des Digitalen bezahlen“ (S. 230).

Wie Rushkoff zeigt, werden die negativen Folgewirkungen auf den Menschen und die Natur mittels der modernen digitalen Technologien vielfach wirkungsvoll verschleiert, so dass der Eindruck entsteht, als ob wir uns über die natürliche Wirklichkeit erheben und die Welt digital neu erschaffen könnten, wie in den Computerspielen „SimCity“ oder im älteren Spiel „Civilization“ (S. 169). Es gilt, diese Verschleierungen sichtbar zu machen und aufzudecken. Auch plädiert der Autor für gemeinschaftliches Eigentum der Arbeitnehmer an den Unternehmen, das eine Bedrohung für traditionelle Investoren ist (S. 250). Auf den letzten Seiten skizziert der Autor einige Punkte, um aus dem Mindset, aber nicht aus der kapitalistischen Wirtschaftsweise, auszusteigen und uns von diesem Mindset, in der die „virtuelle Realität größere Bedeutung als die wirkliche Realität erlangt hat“ (S. 255), zu befreien. Gegen dieses techno-oligarchische Mindset, in dem „nur eine technokratische Elite“ (S. 156) über das Schicksal der Menschheit entscheidet, setzt Rushkoff immer wieder seinen moralischen Appell an ein humanistisches Menschenbild, dass uns aufruft, in der Auseinandersetzung mit der Gegenwart das Gegengift gegen die Besessenheit des Mindset mit seinem digitalen Verhaltensmuster von Sieg oder Flucht zu suchen. „Es gibt kein »großes Erwachen« und keine Chance zum »Ausstieg«. Es gibt nur den Prozess“ (S. 258). Wir sollten versuchen, „uns schrittweise einem kollektiven Zusammenhalt anzunähern. Es gibt keine andere „Antwort“ auf unsere Angst als einen sanftmütigen, offeneren und verantwortungsbewussteren Umgang miteinander“ (S. 257).

Statt pauschalisierend den „Kapitalismus“ zu kritisieren, wäre es m. E. zum Verständnis und zur aktiven Gegenwehr hilfreicher, bestimmte ökonomische und politische Machtstrukturen des Kapitalismus zu hinterfragen und zu kritisieren, wie das Eigentumsrecht an den Produktionsmitteln sowie an Grund und Boden, den Zwang zum ständigen Wettbewerb auf den Märkten, die Steuerpolitik der Nationalstaaten, die politischen Machtverhältnisse oder den Lobbyismus. Zu zeigen wäre, wie die Algorithmen in den digitalen Automaten und im Internet die Produktionsabläufe sowie den Umschlag der Waren beschleunigen. Auch werden neue (überflüssige) Bedürfnisse geweckt, wodurch die Gewinne steigen. Es entstehen neue Formen der Ausbeutung, wie die der Schein-Selbstständigkeit und gewerkschaftliche Rechte werden ausgehebelt.

Ein Beitrag zu Aufklärung und Gerechtigkeit

Douglas Rushkoff hat mit seinem Buch „Survival of the Richest“ einen wichtigen Beitrag zur digitalen Aufklärung geschrieben. Er beleuchtet die manipulativen Möglichkeiten der neuesten Technik; er informiert über die Tendenzen der Festigung und Verschleierung von Herrschaftsstrukturen durch digitale Algorithmen; und er zeigt, wie wir alle durch die digitalen Medien in unserem Selbstbild in unserer Kommunikation sowie in unserem Verständnis sozial-ökonomischer Verhältnisse beeinflusst werden. Denn, „die Manipulatoren der öffentlichen Meinung seien in jeder Gesellschaft die eigentliche, wenn auch unsichtbare Macht“ (S. 142).

Im Hintergrund der Beschreibungen des Mindsets steht das Verständnis von menschlicher Freiheit und politischer Partizipation, dass sich die superreichen Tech-Milliardäre zu Recht legen und nach dem sie handeln, um die tatsächlichen Machtstrukturen zu verschleiern und um „die Welt nach ihren persönlichen Bedürfnissen“ (S. 35) umgestalten zu können. Denn, so die Idee des „entmenschlichenden, misogynen, antisozialen und katastrophalen Tendenzen des Mindsets“ (S.203), mit den richtigen Technologien und genug Geld können wir auch die Politik hinter uns lassen (S. 205) und politische Entscheidungen an die Künstliche Intelligenz abgeben. In diesem Mindset bedeutet „Freiheit“ absolute individuelle Alleinherrschaft, als „völlige Unabhängigkeit von allen Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft und von unseren Lebensumständen“ (S. 213) ohne Bindung an Rechte und Pflichten. Es markiert einen individualistischen Laisses-faire Liberalismus und damit eine fatale Uminterpretation der klassischen Auffassung von Freiheit. In der klassischen Interpretation war Freiheit, wie bei Kant ausgesprochen, immer verbunden mit einer Selbstbegrenzung des Menschen und zugleich mit der Vorstellung der Gleichheit aller Menschen, denn der Mensch existiert als Naturwesen und in sozialen Bezügen als homo politicus.

Aus einer anderen Sichtweise umkreisen die Ausführungen des Autors immer auch den Begriff des Fortschritts. Woran machen wir den Fortschritt fest oder anders gefragt, welche Vorstellung haben wir selbst von dem, was ein Fortschritt sein könnte? Und woran könnten wir ihn dann messen? Erkennbar ist, dass der technisch-technologische Fortschritt nicht zugleich Fortschritt in sozialer Hinsicht zu mehr Gerechtigkeit und Gleichheit bedeutet und er auch nicht zu mehr politischem Fortschritt im Sinne der umfassenden Mitbestimmung aller Bürger in den Angelegenheiten des Gemeinwesens führt. Der Begriff „Fortschritt“ ist selbst widersprüchlich. Mit der Entwicklung der Dampfmaschine erhöhte sich auch der CO2 Ausstoß drastisch und der Regen wurde sauer, durch den Abbau von Rohstoffen werden Flüsse, Seen und der Boden verschmutzt und die Kultivierung der Wälder zur landwirtschaftlichen Nutzung führt zum Verlust der Artenvielfalt.

Rushkoff beginnt viele seiner Kapitel mit einem Bericht über persönlichen Begegnungen und Diskussionen mit Anhängern des techno-libertären Mindsets. Rushkoff schrieb kein Fachbuch, das sich an einen eng umgrenzten Leserkreis wendet. Vielmehr richtet sich das Buch wegen der öffentlichen Relevanz des Themas an möglichst viele Leser und Leserinnen in ihrer Rolle als (Welt-) Bürger. Sein Buch ist flüssig geschrieben. Die erzählerischen Passagen erleichtern das Verständnis der komplexen theoretischen Passagen. Die Publikation bietet somit einen niedrigschwelligen und gewinnbringenden Einstieg in die breit gefächerte soziale, politische und kulturelle Problematik des techno-oligarchischen Mindset. Damit ist ein Grundstein gelegt und die Neugier geweckt, um sich mit dem Inhalt und den politischen, sozialen und kulturellen Konsequenzen des Mindsets in anderen Publikationen näher zu befassen.

Wer sich für den Erhalt einer demokratischen Lebensweise, der politischen Partizipation und einer Zukunft in Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit in Verantwortung einsetzen will, wird von Rushkoffs Werk besonders profitieren. Es bietet die Möglichkeit die Ideen und Vorstellungen kennenzulernen und zu verstehen, die hinter den autoritären und individualistisch-liberalistischen Vorstellungen vieler Menschen und der gegenwärtigen Politik der neuen Eliten stehen. Dies ist die Voraussetzung, dieses Mindset auch kritisch zu hinterfragen.

Nur, wenn man davon überzeugt ist, dass eine andere, sinnerfüllende Erzählung über das Leben, die Geschichte und Zukunft der Menschheit möglich ist, denn auch dafür gibt es hinreichende Belege, dann können und sollten wir auch etwas gegen die aktuellen Krisen tun. In diesem Zusammenhang handelt das Buch auch von unterschiedlichen Werten, Einstellungen und Haltungen. Es geht nicht allein um Geldwerte, sondern um moralische Werte des Zusammenlebens der Menschen. Gegenübergestellt werden die individualistisch-libertären, techno-ökonomischen Werte des Mindsets mit den humanistischen Werten der Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen und der Natur und dem Wert sozialer Gerechtigkeit und der Würde eines friedlichen Lebens in freier individueller und politischer Selbstbestimmung. Kurzum: „Das letzte Kriterium des Fortschritts“ – auch im digitalen Zeitalter – „ist das Kriterium der Humanität“3!

1 https://rushkoff.com/about, abgerufen am 16.07.2025

2 Wird auf diese Weise tatsächlich „Wert“ im ökonomischen Sinne geschaffen oder wird an den Börsen der Geldwert nicht nur umverteilt – was der Eine im Börsenspiel gewinnt, verliert der Andere? Oder der Geldwert ist nur fiktiv und eine Hypothek auf zukünftige Erwartungen?

3 Julian Nida-Rümelin: Humanismus als Leitkultur. Ein Perspektivenwechsel. München: C.H.Beck, 2006, S. 97.

Die Rezension ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

Immer auf dem Laufenden bleiben? UNSER NEWSLETTER

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Der Zeitraum für die reCAPTCHA-Überprüfung ist abgelaufen. Bitte laden Sie die Seite neu.