Darf’s auch Kreuzberg sein, Frau Schmidt?

Buch-Cover Darf's auch Kreuzberg sein, Fraum Schmidt?Darf’s auch Kreuzberg sein, Frau Schmidt?

Erinnerungen einer Lehrerin
Petra Schmidt

epubli.com/shop, [Selfpublishing]
Berlin 2025.
218 Seiten, 13 €.
ISBN: 978-3565012879

Rezension: Jaap Schilt

 

„Darf’s auch Kreuzberg sein, Frau Schmidt?“

Petra Schmidts Erinnerungen einer Lehrerin bestechen durch die gekonnte Kombination von Zeitgeschichte, Biografie und Situationsbeschreibungen – sowohl aus dem Lehrer*innen als auch aus dem Elterndasein. Langweilig wird es nie, dafür sorgen schon die immer wieder aufregenden, manchmal dramatischen und regelmäßig ins Lustige mündenden Erlebnisse aus dem Unterrichtsalltag im Kreuzberg SO 36 sowie aus dem Familienalltag vor und nach der Schule.

Der Stil des Buches ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, weil manche Kapitel etwas zu häufig mit einem reflektierenden Satz abgeschlossen werden. So als ob noch einmal der Quintessenz auf den Punkt gebracht werden muss. Das ist aber, bei dem anschaulichen und klaren Inhalt, meines Erachtens nicht unbedingt nötig. Die eingestreuten Zwischenbemerkungen und Reflexionen mitten in den Kapiteln oder in ganz eigenen Kapiteln sind wiederum sehr hilfreich: Hier kommt eine Lehrerin zu Wort, die selbstkritisch eigene Lernprozesse beschreibt, weiß worin – neben den unvermeidbaren Irrtümern – die Stärken ihres Unterrichts bestehen und welche, auch außerschulischen, Bedingungen dafür essentiell sind. Berührend und beeindruckend ist dabei ihre wunderbare Offenheit gegenüber der individuellen Einzigartigkeit ihrer Schüler*innen und ihre Bereitschaft, sich mit denen auseinander zu setzen und sich für sie einzusetzen.

Ein faszinierender Aspekt des Buches ist, dass Petra Schmidt zu Beginn nie die Absicht hatte, Lehrerin zu werden. Durch ein Schülerladenprojekt in Kreuzberg während ihres Psychologiestudiums entdeckt sie aber ihr Interesse daran, Kindern in ihrer Entwicklung zu fördern. Gleichzeitig entsteht dabei ihre politische Motivation, gerade benachteiligten Kinder eine gleiche Chance in der Gesellschaft zu bieten. Als sie sich nach dem Vordiplom in Psychologie entscheidet, ein Lehramtsstudium aufzunehmen, wird ihr Folgendes bewusst: Gute Lehrer*innen kümmern sich nicht nur um die Lernmotivation der Schüler*innen, sondern auch um die „soziokulturellen und psychischen Voraussetzungen“ der Kinder (S 20). Genau das wird zu einer wirksamen Grundlage für ihre Entscheidung, Lehrerin zu werden und ausgerechnet in einem Stadtteil wie Kreuzberg SO 36 mit dem Unterrichten zu beginnen.

Eine gute Grundlage für Petra Schmidts besonderen Umgang mit Problemen in ihrem späteren Berufsleben waren wohl die von ihr beschriebenen, anstrengenden und kontinuierlichen, Auseinandersetzungen mit ihrem Vater, wobei es immer wieder nötig war, offen Konflikte anzusprechen und sich für die Umsetzung von wichtigen Zielen stark zu machen.

Zeitgeschichtlich interessant im Buch ist die kurze Schilderung ihrer Erlebnisse als Mitglied der „Rote Zelle Psychologie“ des Holzkamp-Institutes der FU und z.B. die Hetzkampagne in den Medien gegen das oben schon genannte Schülerladenprojekt „Die Rote Freiheit“ (S. 16-19).

Auch die Schilderung der WG-Erfahrungen, zusammen mit Mann und Kind, in einer großen Wohnung in Schöneberg, mit Freunden und deren Tochter, gibt schöne Einblicke in Wohn- und Lebensformen der siebziger Jahre. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie wichtig eine gute private Basis, bezüglich Wohnen, Kinderbetreuung und Arbeitsteilung, für das Berufsleben sind (S. 46). Im Laufe des Buches finden sich immer wieder Momente in dem das Verhältnis von Berufs- und Privatleben, auf Grund von Änderungen (Scheidung, Umzüge) sozusagen neu justiert werden muss. Dabei wird Petra Schmidt auch bewusst, dass die Doppelrolle von „Frau Schmidt“ als anerkannte, sichere und hilfsbereite Lehrerin und die Rolle von „Petra Schmidt“ als Mutter zweier Kinder, der die Erziehung und Begleitung ihrer Söhne nicht immer leichtfällt, auch sehr belastend sein kann.

Der größte Teil des Buches besteht aus Berichten über Erfahrungen mit den Schüler*innen der beiden Grundschulen in Kreuzberg, wo Petra Schmidt unterrichtet hat.

Der Erfolg ihrer anstrengenden Arbeit beruhte zweifellos auf ihrer Offenheit gegenüber den Schülerinnen, Kolleginnen und Eltern sowie auf ihrem großen Engagement:

Streng, aber nett. Diese Aussage über mich habe ich mir zum Leitsatz für meine Arbeit als Lehrerin genommen. Vielleicht ist sie mir schon an der Pädagogischen Hochschule vermittelt worden, aber erreicht hat sie mich erst, als eine Schülerin sie äußerte […] Sie kannte mich, weil sie einen Bruder in meiner Klasse hatte, lief in ihren Klassenraum und rief: „Frau Schmidt kommt.“ Sie hatte die Tür offengelassen und ich hörte ein „Hä, Frau Schmidt, wer issen det?“ „Die ist streng, aber nett.“ (S. 74)

Deutliche Ansagen, konsequentes Handeln, Nein sagen können, Verstöße gegen die Regeln auf eine faire Weise korrigieren usw. – das alles ist nötig, wie deutlich wird, um Kindern zu helfen, aus Fehlern zu lernen. Gleichwohl bedarf es aber auch einer liebevollen Haltung im Sinne von gemeinsam lachen, jemanden trösten, eigene Fehler einsehen, Positives aufgreifen und sich Schönes für die Kinder ausdenken. Elternarbeit wird für die Autorin großgeschrieben, auch wenn nicht alle Eltern sich über ihre Hausbesuche freuen. In den günstigsten Fällen bewirkt sie aber Verhaltensänderungen oder einfach positive Entscheidungen der Eltern zugunsten der Kinder (damit diese z.B. an einer Klassenfahrt teilnehmen können).

Unter dem Begriff Präventionsarbeit begreift Petra Schmidt viele Aktivitäten, die die Kinder dabei unterstützen, sich mit wichtigen Themen wie Konflikten und Freundschaft, aber auch mit ihren eigenen Kompetenzen auseinanderzusetzen. Stücke im Grips-Theater, Besuche an einem Kinder- und Jugendzentrum und deren Themenwochen und natürlich auch Projekte im Unterricht gaben den Schüler*innen die Möglichkeit sich auf kreative Art mit den verschiedensten Fragen und Problemen zu beschäftigen. Sehr beeindruckend beschreibt sie, wie es ihr gelingt die klassische Aufteilung der Klassen – Jungs bekommen Werkunterricht und Mädchen machen Nadelarbeiten -, zu durchbrechen. (S. 93-98) Auch die Eltern mussten davon überzeugt werden. Die Folge war, dass vielen Mädchen entdeckten, wie viel Spaß das Sägen und Hämmern macht, und die Jungs stolz ihre Nadelarbeit präsentierten. Hierdurch wurden nicht nur Vorurteile über Jungen und Mädchen abgebaut, sondern auch neue eigene handwerkliche Kompetenzen entwickelt. So wurde die dringend notwendige Sozialarbeit mit Kindern, die zu Hause häufig wenig Unterstützung erhielten und große Schwierigkeiten in die Schule mitbrachten, im gemeinsamen Tun, Besuchen, Erleben und anschließendem Besprechen geleistet.

Mit diesem Buch zeigt Petra Schmidt eindrucksvoll wie ihr die Unterstützung der Schüler*innen konkret gelingen konnte, und das zu lesen bereitet viel Spaß. Dabei macht sie selbst sichtbar, wie es ihr auf Grund ihrer eigenen, persönlichen Entwicklung, möglich war, die Kinder in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken.

Am Ende des Buches und in den letzten Jahren ihres Berufslebens als Lehrerin erlebt Petra Schmidt eine besondere Wendung, in der erneut die intensive Elternarbeit eine zentrale Rolle spielt.

Petra Schmidts Darf’s auch Kreuzberg sein, Frau Schmidt? ist ein aufschlussreiches und berührendes Buch, das uns auf eindrucksvolle Weise an ihrer Arbeit als Lehrerin teilhaben lässt. Es ist nicht nur eine Erinnerung an die Herausforderungen und Erfolge einer engagierten Pädagogin, sondern auch ein wertvoller Beitrag zur Diskussion über die Rolle von Bildung und sozialer Gerechtigkeit.

Ich kann allen Leser*innen nur eine bereichernde Lektüre dieses Buches wünschen.

Jaap Schilt, Philosoph, geb. 1957 in den Niederlanden; vom 1993 bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2023 zuerst als Bildungsreferent und später als Bereichsleiter tätig in der Abteilung Humanistische Lebenskunde/Bildung des Humanistischen Verbandes Deutschlands, Landesverband Berlin Brandenburg KdöR, Schwerpunkt Lehrkräftebildung; Publikationen zum Humanismus, zur Ethik und zur moralischen Entwicklung.

Die Rezension ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

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