Vielleser Frieder Otto Wolf räumt den Schreibtisch auf!

Bücher auf dem Schreibtisch von Otto Frieder Wolf
Foto: Heinz-Bernhard Wohlfarth

Frieder Otto Wolf: Drei Rezensionen

 Frido Mann: „Um der Güte und der Liebe willen“. Zehn Wege eines kämpferischen Humanismus (2025);

Philipp Dorestal: Denker der Dekolonisation. Zur Aktualität von Frantz Fanon (2025)

Clara E. Mattei: Die Ordnung des Kapitals. Wie Ökonomen die Austerität erfanden und dem Faschismus den Weg bereiteten (2025).

 

 

Drei Bücher begegnen sich auf dem Schreibtisch des Rezensenten scheinbar zufällig. Ein zweiter Blick verrät dem Leser eine Gemeinsamkeit: Ihre Texte sind durchdrungen vom Vor-Schatten eines neuen Totalitarismus´. So beginnen die drei Zeitebenen Gegenwart-Zukunft-Vergangenheit zu kollidieren und das Gespräch zwischen den Büchern gerät in Gang. (Die Redaktion)


 

Cover Frido Mann
Cover: Verlag Königshausen & Neumann


Um der Güte und der Liebe willen“
Zehn Wege eines kämpferischen Humanismus

Frido Mann

Würzburg: Königshausen & Neumann, 2025. Thomas-Mann-Schriftenreihe, hrsg. von Dirk Heißerer für das Thomas-Mann-Forum München: Fundstücke, Bd. 11, 14 €
ISBN: 978-3-8260-9362-3

Rezension 219

 

 

Die komplizierte Angabe des verlegerischen Status dieser kurzen Schrift von etwas unter 70 Druckseiten verweist auf ihren Stellenwert: Frido Mann, Enkel von Thomas Mann, lässt die interessierten Leser*innen an seinen ganz persönlichen, mit Bezugnahmen auf explizit humanistische Interventionen seines Großvaters angereicherte Vorstöße und Reflektionen auf dem Feld des praktischen Humanismus teilhaben. Dabei legt er, durchaus überzeugend, Wert darauf, „dass militanter Humanismus nicht nur praktisch vertretbar ist, sondern auch politisch relevant sein kann“ – mit der Konsequenz, „dass die Art, wie etwa Thomas Mann für diesen militanten Humanismus seit 1936 stand, geradezu zwangsläufig in die heutige Zeit übertragen und dort noch weiter fortgesetzt werden muss“ (11).

In einer ersten Miniatur (S. 13-17) skizziert Frido Mann – unter dem literarisch ebenso wie politisch anspruchsvollen Titel „Talitha Kumi“, d.i. ‚Mädchen, steh auf!‘, und in Anknüpfung an Martin Bubers ‚Ich und Du‘ (1922) – seine eigene Verteidigung des Gedankens eines „tragfähigen menschlichen Miteinanders“, das „nicht in ein Scheinmiteinander totalitärer Art“ abrutscht (ebd.). Für diesen „Kern und … Grundvoraussetzung unseres Alltags“ fordert er ein „Zusammenstehen … im Sinne von Respekt, Anstand und Humanität“, wie er es „im Sommer 2024“ von der „Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris verkörpert“ sah (16). Als exemplarischen Fall bezieht er sich auf die „älteste evangelische Schule in Palästina“, die den Abschnittstitel als Namen trägt: Sie wurde im „Gaza-Krieg ab Oktober 2023“ zunächst geschlossen, z.T. online fortgesetzt und dann wieder eröffnet – für Frido Mann „ein gutes Beispiel dafür, wie durch gezielte Wiedererweckung verschütteter innerer Anlagen und Kräfte eine krankgewordene Gesellschaft gesunden könnte – wenn nicht größere Kräfte und Mächte alles vernichten“. (17)

Eine zweite Miniatur (19-25) bezieht sich im Titel auf Heinrich Manns „Untertan“. Hier nimmt Frido Mann vor allem auf Gerhart Baum als klassischen Liberalen Bezug Er umreißt ein bedrohliches Panorama der heutigen Gegenwart, das von „Putins Luftangriffen“ und dem dadurch vor allem in Osteuropa ausgelösten „gefährlichen Ruf nach dem starken Mann“ (19f) über den „gesamteuropäischen Flüchtlingszuzug“ und die „erstarkenden rechtsextremen Parteien“ (20), bis zur Bedrohung durch die „Russische Föderation“ bzw. die Volksrepublik China reicht. Das alles sind für ihn Gründe und Anlässe dafür, dass sich von neuem „der fatale Ungeist des Untertanen“ verbreitet (21). Wiederum mit Baum konstatiert Frido Mann eine erneute Gefahr, dass sich die Demokratie „selber sabotiert oder sogar abschafft“ (ebd.). Er verweist auch auf das Problem von „Gesellschaften, in denen die Freiheit keine Mehrheit findet, weil die Untertanen es als bequem ansehen, in ihrer Sicherheit auf Kosten der Freiheit zu verharren“ (22). Haben sie „noch nie davon gehört […], was eine Demokratie wirklich ist und wie wichtig sie für das eigene Wohl und für das Gemeinwohl ist?“ (ebd.). Zur Interpretation dieser historischen Lage bezieht er sich auf den „klugen und kämpferischen Freigeist Alexej Nawalny“ (ebd.) und geht sehr kurz auf Heinrich Manns ‚Untertan‘ ein (ebd.). Er kritisiert „kluge und gelehrte“ Versuche, zu erklären, wieso es zu der „scheußlichen nationalsozialistischen Machtergreifung“ gekommen ist, und stellt fest: „[D]as alles erklärt niemals das Grauen, zu dem nicht nur Deutsche, sondern Menschen überhaupt willens und fähig waren“ (23). Sich selbst zu „Untertanen des Bösen“ zu machen, sieht Frido Mann explizit anthropologisch als „eine tief in uns allen sitzende Gefahr“ (ebd.) – und stellt dem die Aufgabe entgegen, „sich von Illusionen zu verabschieden und niederschmetternde Zweifel auszuhalten, zugleich aber an dem Glauben an uns selbst und an der Liebe festzuhalten, die Hoffnung nicht zu verlieren, sondern sie unbeirrt weiter zu verteidigen“ (ebd.).

In vergleichbarer, durchaus sympathischer, aber doch ratloser Weise wendet sich Frido Mann im Folgenden der „Deeskalation des Bösen“ (27-33) zu, mit „der Grundfrage, ob im Geschöpf des Homo Sapiens letztlich doch das Gute überwiegt“ (32), diskutiert die „gefährlichsten Stolpersteine auf dem Weg zur Demokratie (am Beispiel USA)“ (35-39), mit der Zielformulierung, „dass es … auf die mühsame Kleinarbeit auf der Basis authentischer Überzeugungen ankommt“, trotz des „Schock[s], den die US-amerikanische Bevölkerung mit ihrer letzten, moralisch restlos diskreditierten Präsidentenwahl … sowohl sich selbst als der gesamten zivilisierten Welt zugefügt hat“ (39). Er plädiert für „Pazifismus statt Appeasement“ (41-49), zum ersten Mal im stärkeren Rückgriff auf Thomas Mann – und zwar auf dessen „bemerkenswerten ethischen Wandel vom Beginn des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs“ (48), unterscheidet zwischen einer Flucht in Utopien und einer unverzichtbaren Orientierung an Visionen (51-55), und unternimmt einen Begründungsversuch der Willensfreiheit aus einem behaupteten „Indeterminismus“ der Quantenphysik (57-61). Unter dem Titel „Du holde Kunst…“ wird die Fähigkeit der Musik exemplarisch beschworen, Menschen zu „verbinden“ (70); eine aktualisierende Beschwörung von Thomas Manns „Zauberberg“ (71-76) bereitet einen abschließenden „Rückblick und Ausblick“ vor, in dem Frido Mann autobiographisch skizziert, warum er mit Thomas Mann „Zweifel und Empörung, Kritik und Widerstand“ als „wesentliche Elemente der freiheitlichen Demokratie“ gegen den „‘Antihumanismus der Zeit‘“ verteidigt (83).

Insgesamt eine bestärkende Lektüre für entschiedene praktische Humanist*innen, insofern empfehlenswert. Wer allerdings mehr darin sucht, etwa tragfähige Begründungen für Handlungsorientierungen oder hilfreiche Analysen der gegenwärtigen Lage im Sinne eines wirklich zeitgenössischen, nicht bloß eurozentrischen praktischen Humanismus, wird enttäuscht – auch wenn Frido Mann in diesen Kurztexten immerhin darauf verzichtet hat, seine problematischeren Hintergrundtheoreme im Sinne einer stark psychologisierenden ‚humanistischen Anthropologie‘ näher auszuführen und sich in der Tat auf die Formulierung von durchaus sinnigen praktischen Orientierungen konzentriert.


Denker der Dekolonisation.
Cover: Dietz Verlag


Denker der Dekolonisation.
Zur Aktualität von Frantz Fanon

Philipp Dorestal

Berlin: Dietz, 2025, 184 S., 18,- €.
ISBN: 978-3-320-02431-4

Rezension 220

 

 

Nicht nur für Leser*innen meiner Generation dürfte dieses durchaus lesenswerte Buch insofern zwiespältig wirken, als es einerseits darzulegen versucht, dass es auch heute noch lohnt, Frantz Fanon zu lesen – was ihm auch gelingt. Andererseits sieht sich Philipp Dorestal aber auch immer wieder dazu gezwungen, Fanon seine subversive Kraft zu nehmen und ihn in die bestehende wissenschaftsdisziplinäre Arbeitsteilung zu reintegrieren (52) bzw. auch Autoren wieder anzunähern, von denen sich Fanon scharf abgegrenzt hat. Außerdem hält er es offenbar für sinnvoll, nicht nur immer wieder über die Diskussionen zu informieren, die Fanon in der Sekundärliteratur ausgelöst hat – was meistens leider nicht ein wirkliches Verständnis fördert.[1] Darüber hinaus bezieht er gezielt Autoren wie etwa Bourdieu ein, die jedenfalls von Fanons revolutionärem Projekt weit entfernt waren, wie Fanon dies in der Metapher einer notwendigen ‚Dehnung‘ des Marxismus noch eher hilflos zum Ausdruck gebracht hatte. Nach einem prätentiös betitelten Vorwort – „Prolog: Ein skandalöses Vorwort“ –, in dem durchaus informativ, aber doch eher unkritisch der eigentlich doch zu problematisierende „Stand der Fanon-Rezeption und Forschung“ referiert und der Aufbau des Buches erläutert wird (8-19), entfaltet Dorestal sechs Dimensionen, wie er sie im Fanonschen Denken zu finden behauptet:

„1 Wie fühlt es sich an, ein ‚Problem‘ zu sein?“ – in der Dorestal insbesondere sein Verständnis des Rassismus skizziert (20-49);

„2 Der substanzialisierte Turm der Vergangenheit“ – in der es vorrangig um Konzeptionen einer ‚négritude‘ und Fanons Kritik daran geht (die allerdings in entscheidenden Punkten ‚heruntergespielt‘ wird) (50-66);

„3 Brüder – und Schwestern? – im Unglück“ – in der es um die Grenzen von Fanons Konzeption eines antikolonialen und antirassistischen Befreiungskampfes geht (68-90);

„4 Die Dialektik des Körpers“ – in der im Ausgang von der Problematik der ‚Entschleierung‘ für eine ‚Politik der Liebe‘ plädiert wird (92-110);

„5 Das kolonialisierte ‚Ding‘ wird Mensch“ – in der Dorestal einen ambitionierten Versuch macht, Fanons theoretischen Fokus zu universalisieren, indem er ihn u.a. mit der „Haitianischen Revolution“ in Beziehung setzt (die Fanon doch wegen ihres letztlichen Scheiterns wohl bewusst ignoriert hatte) (112-139);

„6 Alles neu Durchdenken: Fanons ‚gedehnter’ Marxismus“ – in der es darum geht, wie Fanon sich von dem herrschenden Marxismus in seiner vor allem stalinistischen Gestalt abgesetzt hat[2] und inwiefern seine verbreitete Rezeption als ein primärer Apostel der Gewalt an seiner wirklichen theoretischen Leistung vorbeigeht (140-164).

Daran schließt sich noch ein anspruchsvoll formulierter „Epilog“ an: „Mit Fanon über Fanon hinaus“ (166-173) – in dem Dorestal allerdings nicht etwa den Versuch unternimmt, Fanons Pionierarbeiten zur Aufdeckung und Thematisierung der Spezifik kolonialer Herrschaftsverhältnisse (und der ihnen entsprechende Bewusstseinsformen) als solche aufzugreifen und weiterzuführen, sondern sich stattdessen auf eine Perspektive der bloßen ‚Interdisziplinarität‘ (171) beschränkt und zu Fanons eigener Perspektive anmerkt, sie müsse „uns heute als Utopie erscheinen“ (ebd.). Stattdessen begnügt sich Dorestal damit, aus Fanon eine Lehre zu ziehen, wie sie in dieser sehr allgemeinen Formulierung doch für jede Art von auch nur minimal kritischem Denken gelten müsste: Von Fanon ließe sich – auch wenn seine Theorien für die Gegenwart keinen Bestand“ hätten – doch immerhin lernen, dass der gegebene Bestand an Theorien ‚gedehnt‘ werden müsse. (172)

Eine Aktualisierung von Fanon als revolutionärem Denker müsste jedenfalls anders vorgehen und zumindest die revolutionär oder auch transformatorisch zu überwindenden modernen Herrschaftsverhältnisse klar thematisieren. Ich möchte daher vorschlagen, Fanon als einen wichtigen Durchbruch zu einem umfassenden Durchdenken von Kolonialität und Rassismus zu lesen. Dabei thematisiert er sowohl konstruktiv die Probleme ihrer subjektiven Verarbeitungsformen als primäre und relativ eigenständige Gegenstände von Befreiungskämpfen, als auch kritisch ihre Dethematisierung bzw. Verdrängung in den herrschenden Gestalten der Wissenschaften von Geschichte und Gesellschaft. Deswegen kann ich nur hoffen, dass sich in Dorestals durchgehender Tendenz zu einer ‚Ent-Radikalisierung‘ Fanons nicht etwa ein neuer Zeitgeist ausdrückt. Das wäre für die Sache der Befreiung und damit auch einen ernsthaft betriebenen praktischen Humanismus wirklich schlecht.

 


Die Ordnung des Kapitalismus
Cover: Brumaire Verlag

Die Ordnung des Kapitals
Wie Ökonomen die Austerität erfanden und dem Faschismus den Weg bereiteten

 Clara E. Mattei

Aus dem Englischen von Thomas Zimmermann. Berlin: Brumaire, 2025, 3. Auflage, 586 Seiten,  22,- €
ISBN: 978-3-948608-56-9

Rezension 221

 

 

Clara E. Mattei spricht eine klare und erfrischend unverstellte Sprache, auch wenn ihr Buchtitel – nicht nur im Deutschen – zu Missverständnissen einlädt. Ihre Untersuchung greift in keiner Weise auf das Marxsche Kapital zurück und ebenso wenig auf Foucaults Ordnung der Dinge. Als Historikerin ignoriert sie einfach alle theoretischen Debatten zu beiden von ihnen begründeten Theorietraditionen. Sie greift vielmehr, historisch in großen Zügen beschreibend, ein wichtiges Thema auf, das Marx noch gar nicht hat behandeln können und das Foucault nicht besonders interessiert hat: nämlich wie es der bürgerlichen Neoklassik gelungen ist, im Zeichen von Konzept und Strategie der ‚Austerität‘ alle politisch-ökonomischen Alternativen aus dem Horizont der politischen Debatte zu vertreiben. Dies stellt sie überzeugend dar, indem sie die nur scheinbar entgegengesetzten Beispielen von Großbritannien und Italien diskutiert, ohne dabei die historisch noch gewichtigeren Entwicklungen in den USA völlig auszublenden.

Dazu rekonstruiert sie zunächst den historischen Zusammenhang von „Krieg und Krise“ im Ausgang vom Ersten Weltkrieg (40-224): „Das Ausmaß der staatlichen Intervention während des Krieges und die dadurch hervorgerufene Verschärfung des Klassengegensatzes hatten einen großen revolutionären Bruch in den Jahren 1918 bis 1920 zur Folge. Es war die größte Krise in der Geschichte des Kapitalismus“ (48). Im Ausgang von einer Beschreibung der Bedeutung des 1. Weltkriegs für die Art und Weise des Wirtschaftens (50-93) rekonstruiert sie die Modalitäten der Durchsetzung „einer völlig neuen Denkschule“ (94-133) – nämlich eines „Rekonstruktionismus“, der es verweigerte, „sich den Haushaltsbeschränkungen als eine[r] ‚ökonomischen Grenze‘ für die Politik der sozialen Verteilung [sic] zu fügen“ (122). Unter dem Titel „Kampf um die Wirtschaftsdemokratie“ (132-177) thematisiert sie anschließend, wie „die Reformisten, die die eisernen Gesetze des Marktes gebogen hatten, um eine Revolution zu vermeiden, dazu beigetragen [haben], eine Revolution zu entfachen“ (123). Abschließend beschreibt sie die „neue Ordnung“ (178-224), auf die hin sich nach dem 1. Weltkrieg die revolutionären Initiativen der „Ordinovista-Bewegung“ (214) orientierten: Diese Bewegung schlug gemäß ihrer Darstellung „einen doppelten Bruch mit der kapitalistischen Ordnung vor, der zugleich institutionell und methodologisch war“ (ebd.) und im „austoritäre[n]`Faschismus“ Mussolinis (215) realisiert wurde. Der Rückgriff auf die „Austerität“ als neue[n] Champion des Kapitalismus“ war historisch so erfolgreich, dass dadurch dann faktisch „jede Alternative ausgeschlossen wurde.“

Dieser Befund wird in einer anschließenden, ebenso grundsätzlich angelegten historischen Untersuchung vertieft, in der die historische Bedeutung der neuen Politik der „Austerität“ (227-584) umfassend beschrieben wird – in einem ersten Durchgang in einer historischen Rekonstruktion der wesentlichen Etappen ihrer Durchsetzung (236-509): Hier behandelt Mattei zunächst die Entstehung dieser strategischen Konzeption aus Initiativen „internationaler Technokraten“ (236-280), um dann die spezifisch britische (282-356) und die spezifisch italienische (358-434) Geschichte ihrer Umsetzung in praktische Politik zu analysieren. Sie bleibt aber nicht bei dieser separaten Behandlung dieser beiden historischen Prozesse stehen, sondern schließt ein Kapitel an, in dem sie „Italiens Austerität und Faschismus mit britischen Augen“ erörtert (436-481): Sie rekonstruiert, wie „[b]ritische Technokraten“ sich zu der politisch-ökonomischen Entwicklung Italiens verhalten haben – indem sie sich nämlich „sicher [waren], dass die Grundlagenarbeit, um den Kapitalismus in Italien abzusichern, die Form von Austerität annehmen würde, und dass es eine starke Regierung brauchte, um diese Austerität umzusetzen.“ (439) Und sie spitzt diesen allgemeinen Befund dahingehend zu, dass „die Briten“ „[d]iese Bedingungen in Gestalt der Diktatur Mussolinis erfüllt [fanden]“ (ebd.) – und sich dafür auch noch auf „einen breiteren internationalen Konsens“ (440) stützen konnten. Mattei zeichnet also nach, „wie sich der Einfluss des US-amerikanischen und britischen Kapitals auf Mussolinis / Wirtschaftspolitik vor allem auf die Austerität konzentrierte und dabei das Ziel verfolgte, die kapitalistischen Klassenverhältnisse im Rahmen einer internationalen Ordnung zu befestigen“ (440f).

Was sie überhaupt nicht zum Thema macht oder irgendwie in Angriff nimmt, ist eine Aktualisierung der marxschen Theorie der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise in modernen (bürgerlichen) Gesellschaften. Anstatt diese Problematik auf der Ebene eines ‚idealen Durchschnitts‘ der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise in modernen bürgerlichen Gesellschaften überhaupt zu thematisieren oder gar in Angriff zu nehmen, beschränkt sich Mattei (Kapitel 9, 482-509) auf „eine quantitative Analyse …  aus den aktuellsten statistischen Quellen …, um die wirtschaftlichen Veränderungen in Großbritannien und Italien zu veranschaulichen, die meine These untermauern, dass Austerität ein Instrument der Klassenkontrolle war und ist“ (36).

In ihrem letzten Kapitel – unter dem prägnanten Titel „Austerität für immer“ – (510-) skizziert Mattei dann, wie „mit dem Wiederaufleben der Austerität in den späten 1970er Jahren steigende Profitquoten [sic] und Ausbeutungsraten in den meisten Ländern der Welt abermals zu Konstanten geworden“ sind (504-541).

Abschließend reflektiert sie in einem kurzen „Nachwort“ (543-550), was es bedeutet, dass ihr Buch „die kanonischen disziplinären Grenzen zwischen politischer Ökonomie, Wirtschaftsgeschichte und Geschichte des ökonomischen Denkens sowie Arbeits- und Sozialgeschichte [überschreitet]“ (543) – Grenzen, die sie nicht als solche in Frage stellt – und  sie bilanziert ihre – sich also als interdisziplinär begreifende – Untersuchung dahingehend, dass „die Linse Austerität ein mächtiges Instrument [ist], um die Geschichte der politischen Ökonomie im 20. und 21. Jahrhundert neu zu bewerten“ (ebd.). Bei dieser historischen Neubewertung bleibt sie allerdings auch stehen und ihren Lesern bzw. Leserinnen jegliche ‚theoretische Auswertung‘ schuldig. Aber sie erfüllt durchaus ihren Anspruch, „einen Beitrag zu den Debatten und Neubewertungen über die Geschichte und das Wesen des italienischen Faschismus (1922-45) sowie über seine ökonomische Agenda“ (548) zu leisten.

Nicht nur Leser*innen, die an dieser Geschichte, wie sie in der Gegenwart erneut Aktualität zu gewinnen begonnen hat, interessiert sind, werden Matteis ebenso gründliche wie klar argumentierende Untersuchung vor allem der italienischen Geschichte der späten 1910er und der frühen 1920er Jahre mit großem Gewinn lesen.

[1] Als Ausnahme ist hier die produktive Fanon-Rezeption durch Judith Butler zu nennen (169), die Dorestal allerdings sofort durch eine Ablehnung ihrer in der Tat kritisch zu diskutierenden Parteinahme für die Hamas relativieren zu müssen glaubt (ebd., FN 441).

[2] Hier gibt Dorestal dem Lesenden eine aufschlussreiche Beschreibung von Fanons Marxrezeption an die Hand (150ff, insb. 152), bei der auffällt, wie stark Fanon sich gerade auf Marx‘ Schriften zu Kritik der Politik (vgl. André Tosel: Les Critiques de la politique chez Marx, in Balibar/Luporini/Tosel: La critique de la politique de Marx, Paris: Maspéro, 1979) bezogen hat.

Die Rezension ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

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