Sara Ahmed: What’s the Use?

 

Autorin: Sara Ahmed
Erschienen: Duke University Press 2019
Seiten: 296
Preis: $ 26,95
ISBN: 978-147-800-721-0
Rezensentin: Marie Lippert

 

 

Vom Nutzen des Nutzens

Sara Ahmeds What’s the Use. On the Uses of Use ist die dritte in einer Reihe von Veröffentlichungen, die sich der Auseinandersetzung mit einzelnen ideengeschichtlichen Konzepten widmen: Mit The Promise of Happiness (2010) und Willful Subjects (2014) entstanden in den vergangenen Jahren Betrachtungen zu den Begriffen des Glücks und des Willens. Mit What’s the Use legt Ahmed nun eine Untersuchung des Begriffs des Nutzens im 19. Jahrhundert vor, wie er sich in paradigmatischer Form sowohl in der Evolutionstheorie Jean-Baptiste Lamarcks und Charles Darwins als auch im Utilitarismus Jeremy Benthams und der diesem nahestehenden Pädagogik der sogenannten monitorial schools findet.

Methodisch und theoretisch ist Ahmeds Projekt sehr ambitioniert und breit aufgestellt: Sie erkundet einleitend die vielfältigen Bedeutungsdimensionen des Begriffs Use im Englischen[1] (use and disuse, to be used to something, to be used up) und bezieht sich dabei letztlich auch auf die titelgebende Frage: What’s the Use? Diese Frage, die sie in Rekurs auf Virginia Woolfs The Voyage Out zur Sprache kommen lässt, adressiert nichts weniger als den Nutzen ihres Textes und den Nutzen von Theorie selbst und markiert damit ein selbstreflexives Moment, das Ahmeds Schreiben in besonderem Maße auszeichnet. Sie betont hiermit eine Perspektive, die sie bereits in ihrer vorhergehenden Veröffentlichung Living a Feminist Life (2017) explizit verfolgt hat: Beeinflusst durch queer theory, intersectional theory und lesbian feminism of color stellt sie nicht nur die Frage nach einer feministischen Theorie, sondern auch nach einem feministischen Leben, also danach, wie feministische Beziehungen und Handlungen angesichts einer Welt gestaltet werden können, die nicht feministisch ist („how to live in a non-feminist and antifeminist world“; Ahmed 2017: 1). Grundlegend für Ahmeds theoretische Auseinandersetzung ist dabei ihre Verpflichtung auf die phänomenologischen Zugänge der Erfahrung und des Embodiments, welche sie insbesondere in ihrem 2006 erschienen Buch Queer Phenomenology in Hinblick auf körperliche Situiertheit und Orientierung im Raum deutlich herausgearbeitet hat. Der Raum bleibt für Ahmed auch in ihren weiteren Texten als Begriff auf doppelte Weise paradigmatisch: sowohl als phänomenologische Kategorie als auch in Bezug auf konkrete und abstrakte Räume – etwa das Universitätsgebäude und die Universität als institutioneller Raum – hinsichtlich ihrer Zugangsvoraussetzungen. Auch in What’s the Use? stellt sich diese Perspektive als bedeutsam heraus, da parallel zu Ahmeds Auseinandersetzungen mit Evolutionstheorie und Utilitarismus die Frage danach, was einen queer use in dieser Hinsicht ausmachen könnte, im Verlauf des Textes nicht in den Hintergrund tritt.

Mehr als einmal liefert Ahmed auf die Frage danach, was queer use bedeuten könnte, eine recht konzise Antwort: „Queer use might refer to how things can be used in ways other than how they were intended to be used or by those other than for whom they were intended“ (Ahmed 2019: 44). Ein queeres Nutzen ist damit beispielsweise auch ein deviantes Nutzen von Räumen, durch Menschen, für die diese Räume nicht gemacht wurden bzw. von denen sie aktiv ausgeschlossen werden. Der großen Ambivalenz des Begriffs des Nutzens trägt Ahmed Rechnung, indem sie betont, dass es sich bei diesem um ein konservatives Konzept handelt: Das Nutzen eines Raumes restringiert diesen Raum auf die Bedürfnisse derjenigen, die die Handlungs- und Deutungshoheit über ihn haben. Sie bezieht sich damit unter anderem auf das den Neuro- und Kognitionswissenschaften entlehnte Konzept der Neuroplastizität (Use it or lose it), demnach neuronale Pfade, die besonders viel genutzt werden, die Möglichkeit haben, zu bestehen und sich gegebenenfalls auf andere, weniger genutzte Pfade auszubreiten. Queer use stellt damit also nicht den Default-Modus dessen, wie ‚genutzt‘ wird, dar; Nutzen ist nicht per se queer, sondern kann als eine queerfeministische Gegenpraxis angeeignet werden. Queer use bedeutet für Ahmed, Pfade auszubauen und gegen konservative Vereinnahmungen zu verteidigen; auf diesen Pfaden begegnen einem dabei allerdings Widerstände: „Deviation is hard“ (42).

Die Parteinahme für die Devianz als queerfeministische Praxis ist paradigmatisch für Ahmeds Auseinandersetzung; hierbei stellt sich allerdings zuweilen die Frage, inwiefern Devianz als negative Bestimmung – es sollen Dinge und Räume ‚anders‘ und von ‚anderen‘ genutzt werden – auch eine positive Bestimmung dessen, was eine Praxis des queeren Nutzens auch inhaltlich ausmachen muss, zulässt oder zumindest eine Perspektive auf eine solche in Aussicht stellt. Die zweifellos progressiv und emanzipatorisch orientierten Gedanken Ahmeds laufen so Gefahr, zu sehr bei Abweichung und Alterität stehen zu bleiben, die eine notwendige, allein nicht unbedingt eine hinreichende Bedingung für feministische Praxis darstellen.

Anhand der beschriebenen biologischen Strukturanalogie illustriert Sara Ahmed zudem die biopolitischen Dimensionen des Begriffs des Nutzens: Das Nutzen von Dingen und Räumen kann diese ins Leben bringen und am Leben erhalten. Manche Formen des Nutzens, insbesondere die Normierung dessen, was ein legitimes Nutzen von Dingen und Räumen darstellt, kann allerdings auch bewirken, dass Formen des Nutzens aufhören zu sein, verdrängt, metaphorisch und buchstäblich um ihr Leben gebracht werden. Nicht zuletzt im Anschluss hieran arbeitet Ahmed in den Kapiteln „Using Thing“ und „Use and Technique“ auf einleuchtende Art und Weise die enge Verbindung der Ideen- mit der Kolonialgeschichte von Nutzen und Nützlichkeit heraus. Anhand John Lockes Naturrechtsvorstellung, insbesondere seines Eigentumsbegriffs zeigt sie, dass er damit Pate für die Legitimation des kolonialen Projekts steht. Lockes Eigentumsbegriff ist durch die Vorstellung bestimmt, dass eine kultivierende Nutzung von Land seine Aneignung legitimiert. Dadurch, dass die kultivierende und damit einzig sinnvolle Nutzung für Locke ein Privileg der Kolonisator*innen darstellt, wird jede andere Art der Nutzung zu Vernachlässigung oder zur reinen Abwesenheit von Nutzung überhaupt degradiert. So müssen Locke die kolonisierten Gebiete als ‚ungenutztes Land‘ erscheinen, deren Kultivierung geboten erscheint. „Colonialism is justified as using what is unused“ (47). So plausibel Ahmed diese Argumentation nachvollzieht, so fragwürdig ist allerdings die direkt anschließende Passage, in der sie sich unter Bezugnahme auf Edward Saids Zionism from the Standpoint of its Victims (1979) dem Zionismus als erstem Beispiel für die zuvor erörterte Problematik kolonialistischer Ideologie widmet. Ahmed argumentiert mit Said, dass auch in zionistischen Bewegungen das Narrativ der Nutzung des ungenutzten Landes Palästinas vorherrsche. Selbst wenn man diese Beobachtung anerkennt, so lässt der Vergleich – ebenso wie die Zentralität, die er in Ahmeds Text einnimmt – auf eine aus historischer Perspektive unbedingt weiterer Begründung bedürfender, wenn nicht fahrlässiger, Identifikation von Kolonialismus und Zionismus schließen.[2] Problematisieren könnte man anhand der genannten Passage auch die Grenzen diskurstheoretischer Ansätze, insofern die Ähnlichkeit von Narrativen möglicher-, aber nicht notwendigerweise die Identität von Realitäten abbildet.

Im Kapitel „Use as Technique“ vertieft Ahmed weiterhin die Verbindungslinien zwischen Nutzen, Nützlichkeit und kolonialen Herrschaftstechniken. In Auseinandersetzung mit pädagogischen Schriften und kolonialen Reiseberichten verdeutlicht sie die Bedeutsamkeit des pädagogischen Projekts von Joseph Lancaster und Andrew Bell, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts die sogenannten monitorial schools konzipierten und umsetzten. Das System der monitorial school wurde zunächst als Schulform für Kinder der Londoner Arbeiterklasse, später auch in den indischen Kolonien durch die East India Company als Madras School for Eurasian Orphans of Soldiers eingerichtet. Das erklärte Ziel dieses pädagogischen Projekts beinhaltet selbst einen Rekurs auf die Nützlichkeit der Lernenden: „This liveliness [of the pupils] should never be repressed but directed to useful ends“ (Lancaster, zit. nach Ahmed, S. 103; Herv. v. Ahmed). Das System der Schule bestand, wie es bereits aus ihrem Namen hervorgeht, auf der gegenseitigen Kontrolle der Schüler: Die jeweils Besten wurden dazu veranlasst, den Unterricht der Klasse zu übernehmen. Über die so entstehende Struktur der gegenseitigen Überwachung spannt Ahmed einen Bogen zu den diesem Projekt eng verwandten pädagogischen Schriften Jeremy Benthams, der in seinen Chrestomathia die Architektur eines Klassenraumes vorstellt, deren Ähnlichkeit mit dem von Michel Foucault in Überwachen und Strafen beschriebenen Panopticon Ahmed betont. Beide Projekte sind daran orientiert, die jeweiligen Subjekte des Schulsystems, ob durch Klassen- oder koloniale Herrschaft geprägt, nützlich und vor allem nicht nutzlos (‚idle‘) zu machen; sowohl die Ziele als auch die Methode dieses Systems sind somit (zeit)ökonomischer Natur: Die Schüler übernehmen selbst die Arbeit, sich zu nützlicheren Arbeitern zu erziehen. Besonders plausibel arbeitet Ahmed heraus, dass dieses pädagogische Konzept nicht unabhängig von Benthams utilitaristischer Philosophie denkbar ist (und damit das Trolley-Problem nicht das drängendste Problem in der Auseinandersetzung mit dem Utilitarismus sein kann). Sie zeigt erneut Lancaster/Bell und Bentham parallelisierend auf, dass die Begriffe des Nutzens und des Glücks zentrale Verbindungselemente darstellen: das Benthamsche Prinzip des Nutzens als größtes Glück der größten Zahl wird in den pädagogischen Überlegungen Benthams zur Nützlichkeit als Eigeninteresse der Nützlichen, durch die sie das Glück der kleinen Zahl und vermeintlich auch ihr eigenes zu realisieren haben. Sie werden zu einer Ressource, die bis zur Erschöpfung verbraucht wird („[…] lives are used and used up“, 94). Die besondere Perfidie dieser Verbindung von Herrschaft und Glücksversprechen arbeitet Ahmed in einer eindrücklichen Synthese von theoretischer und historisch interessierter Auseinandersetzung heraus – einer der fruchtbarsten Gedankengänge des Buches.

In den letzten beiden Kapiteln beschäftigt sich Ahmed eingehend mit der Frage der Verbindung von Nutzen und Universität. Nach der kritischen Auseinandersetzung mit Bentham mag ihr Urteil über die Universität beinahe etwas drastisch anmuten, ist allerdings anhand von Neoliberalisierungstendenzen der Universität vielleicht nicht ganz fehl am Platz: „Bentham is describing an ideal. It is rather terrifying. Perhaps Bentham’s ideal has become our real. Simply put, the modern university has become rather like Bentham’s fantasy of a world gymnasium“. (192). Sie problematisiert dabei eine Institution, in der sich die absolute Mehrheit der Anstellungsverhältnisse durch zeitliche, räumliche und finanzielle Prekarität auszeichnet und die sich selbst Illusionen über ihre eigene vermeintlich durch Leistung (und nicht durch andere Selektionsformen) bedingten Karrierewege macht: „Meritocracy is a term that is much used by universities because it helps justify their own selections – past, present, and future. Meritocracy is the fantasy that those who are selected are the best“. (194) Neben dem Begriff der Meritokratie untersucht Ahmed auch den der Diversität, dem sie eine ähnlich verschleiernde Wirkung im universitären Diskursrahmen zuschreibt. Der Frage nachgehend, warum gerade dieser Begriff in der Öffentlichkeitsarbeit von Universitäten so häufig benutzt wird, zeigt Ahmed, dass er sich durch eine Dimension der Nonperformativität auszeichnet: Er wird benutzt, weil er wenig bewirkt (‚diversity is used more because it does less‘, 149). Er benennt keine unschönen Realitäten – Rassismus, Sexismus, Homophobie –, sondern stellt die Vorstellung her, dass eine gerechte ‚vielfältige‘ Einrichtung der Universität bereits erreicht sei (oder überhaupt angestrebt werde). Aus Ahmeds eigener Erfahrung als diversity worker und ihrem langjährigen Kampf gegen sexuelle Belästigung an der Goldsmiths University London, die sie 2016 aus Protest gegenüber der mangelnden Reaktion der Universitätsleitung verließ, verdeutlicht sie u. a. ihre und die Frustration anderer queer diversity workers of color gegenüber der Schwerfälligkeit der universitären Strukturen und ihrer Normierung dessen, was ihnen nützlich ist. Auch vor dem Hintergrund ihrer Entscheidung, die Universität zu verlassen, entwickelt sie eine Interpretation von queer use als Abweichen von einem üblichen, viel genutzten Weg, in diesem Fall, einer universitären Karriere; sie entwickelt damit ein Plädoyer dafür, sich diesen Wegen zu verweigern, sich nicht an Vorstellungen dessen zu halten, wie man einen Weg richtig zu nutzen habe. Erst auf der letzten Seite des Buches allerdings perspektiviert sie diese Vorstellung von queer use als devianter Form des Nutzens von Wegen und Räumen noch einmal neu, indem sie schreibt:

„To bring out the queerness of use requires more than an act of affirmation: it requires a world dismantling effort. In order for queer use to be possible, in order to recover a potential that has not simply been lost but stolen, there is work to do.“ (229)

Die Arbeit, die sie hiermit beschreibt, schließt, so könnte man anhand der Lektüre der vorherigen Kapitel vermuten, auch die Arbeit, die queer people of color und Frauen* innerhalb und außerhalb der Universität leisten, ein, um so etwas wie queer use überhaupt zu ermöglichen. Der antisexistische und antirassistische Kampf muss eine grundlegende Transformation erreichen, muss also mehr als eine Affirmation von queer use, die so nur Mikropolitik bliebe, beinhalten. In dieser Klarheit und Radikalität findet sich dieser Gedanke erst am Ende des Buches, und es bleibt vorerst offen, wie ein solcher ‚world dismantling effort‘ sich genau gestalten könnte. Das methodisch und inhaltlich sehr breit aufgestellte Projekt Ahmeds lässt so mitunter auch Leerstellen und bringt Gedanken am Rande auf, die nicht immer weiter nachvollzogen werden. Einige Pfade scheinen so vorerst ins Leere zu laufen, bergen damit aber auch die Möglichkeit, durch die Leser*innen aufgegriffen und – in einer weltentkleidenden Anstrengung – weitergesponnen zu werden.

Anmerkungen

[1] Im Folgenden werde ich ‚Use‘ aufgrund der Zentralität des Utilitarismus in Sara Ahmeds Argumentation mit ‚Nutzen‘ übersetzen und Wendungen oder Wortspiele, die dieser Bedeutung nicht entsprechen, in Originalform zitieren.

[2] Zur Identifikation von Zionismus und Kolonialismus u. a. in post- und dekolonialen Theorieansätzen, vgl. Derek J. Penslar: Zionism, Colonialism and Postcolonialism (2001); Julia Edthofer: Israel as Neo-Colonial Signifier? Challenging De-Colonial Zionism (2015).

Marie Lippert studiert Philosophie in Berlin und Paris und interessiert sich für/arbeitet zu Kritische Theorie, Phänomenologie und Affekttheorie.

Die Rezension ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

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