Tobias Roth (Hrsg.): Welt der Renaissance

 

Cover: Galiani Berlin
Cover: Galiani Berlin
Herausgeber: Tobias Roth 
Verlag: Galiani Berlin
Erschienen: 2020
Seiten: 640
Preis: 89,00 €
ISBN: 978-3-869-71205-6
Rezensent: Thomas Heinrichs

 

 

 

 

Tobias Roth hat eine Auswahl von Texten zusammengestellt, die ein buntes Bild des Renaissancehumanismus vermitteln und mit der Vorstellung, die damaligen Gelehrten hätten nur über staubigen antiken Texten gesessen, aufräumen.

Dieser Prachtband im Quartformat wäre eigentlich das ideale Jahresendgeschenk für den buch- und bildungsaffinen Humanisten gewesen, aber dafür kam das Rezensionsexemplar zu spät bei mir an. So bleibt also nur, es als Geburtstags- oder Humanistentagsgeschenk, als Präsent zur Sommerferienlektüre oder als therapeutische Gabe gegen die Coronamaßnahmendepression zu verwenden. Auf jeden Fall darf man das Buch nur mit einem stabilen Lesepult verschenken, denn um es länger in der Hand zu halten, ist es mit weit über zwei Kilo viel zu schwer und durch das Quartformat viel zu unhandlich.

Das ist schade, denn eigentlich bietet sich das Buch zum Schmökern an. Tobias Roth hat eine Auswahl von Autoren und Texten zusammengestellt, die ein sehr buntes Bild des Renaissancehumanismus vermitteln und die die vielleicht bei manchen vorhandene Vorstellung, die Gelehrten in der Renaissance hätten nur über staubigen antiken Texten gesessen, korrigieren wird.

Der Verlag hat bei der Gestaltung des Buches aber wohl weniger an die Lesefreundlichkeit, sondern eher an den bleibenden Wert des Buches gedacht, denn in der Verlagsmitteilung zum Erscheinen des Buches wird als erstes darauf hingewiesen, dass andere Prachtbände des Verlages zu „ziemlich gesuchten Sammlerstücken geworden“ sind, „für die hohe Preise gezahlt werden“.  Das Buch sei also auch dem empfohlen, der eine gute Geldanlage sucht. Auch das ist natürlich ein Grund, ein Buch zu kaufen. (Allerdings sollten dann Setzfehler wie auf S. 111, wo mitten in einen Namen ein Zeilenumbruch erfolgt, nicht vorkommen).

Was steht nun aber drin? Das kann man bei über 600 Seiten im Quartformat – einschließlich eines ausführlichen Personenregisters – nur stichpunktartig wiedergeben. Der Band enthält Texte von 68 mehr oder weniger bekannten Autoren und Autorinnen der italienischen Renaissance. Roth gibt zu jedem Autor eine kurze biographische Einleitung und dann von ihm selbst neu übersetzte Auszüge aus seinem Werk.

Witzige Geschichten – „ein Sizilianer hörte, wie ein Freund von ihm klagte, dass sich seine Frau an einem Feigenbaum aufgehängt hatte. ‚Oh bei Gott, gib mir einen Ast von diesem Baum als Steckling‘, sagte er, ‚auf dass ich ihn anpflanze‘“ (Ludivico Carbone um 1470, S. 199) – stehen neben dem Kampf um die historische Wahrheit – „Ich weiß, dass die Ohren der Menschen schon lange darauf warten, meine Anklage gegen den römischen Papst zu vernehmen. Die Anklage ist in der Tat schwer und lautet entweder auf fahrlässige Unwissenheit oder auf unfassbare Habgier, was Götzenanbetung oder Herrschaftsanmaßung ist, in deren Gesellschaft sich stets die Grausamkeit findet“ (Lorenzo Valla 1440 in seiner Schrift, in der er nachweist, dass die Constantinische Schenkung eine Fälschung war, S. 161).

Neben Liebesgedichten – „Wenn es nicht Liebe ist, was fühle ich dann? / Doch ist es Liebe, Gott, was soll das sein? / Ists gut, was flößt es bittren Tod mir ein? / Ists schlecht, was fühlt so süß die Qual sich an?“ (Petrarca, Canzoniere, zwischen 1330-1370, S. 42), steht der Bericht über die Verbrennung Girolamo Savonarolas – „Der letzte, den man anband, war Bruder Girolamo. Denselben wollte der Henker nicht würgen, sondern er legte ihm nur den Strick um den Hals und ließ ihn leicht nach unten sinken, um ihn mehr zu quälen. Danach legte er allen dreien eine Kette aus Eisen um den Hals und befestigte sie so an der Holzsäule, an der sie hingen, damit sie im Feuer nicht so schnell herunterfallen würden. Kaum war das erledigt, setzte der genannte Henker den Scheiterhaufen in Brand, der sehr ordentlich gemacht war, aus trockenem Holz und auch mit etwas Schießpulver, damit es besser brennt“ (Brief Paolo Somenzis an Ludovico il Moro, S. 279); sehr ordentlich gemacht der Scheiterhaufen, da konnte man auch 1498 nicht meckern.

Neben Kochgerichten – „der Bär muss jung sein und in der richtigen Jahreszeit gefangen, das heißt im Winter. Im Juli dagegen sind die Bären viel fetter, da sie mehr Nahrung finden; hinzu kommt, dass im Winter ihr Fleisch etwas von seinem schlechten Geruch verliert. Wenn er gehäutet ist, nimmt man sich die besten Teile, das sind die Keulen und der Rücken, und lässt sie einige Zeit abhängen. Man kann den Bären am Spieß oder auf dem Rost braten und bestreut ihn nur mit etwas Salz, Fenchel, Pfeffer Zimt und Nelken.“ Wohl bekomm’s! (Aus dem Werk Opera (1570) des Dreisternekochs Bartolomeo Scappi, S. 543) – steht die erste Beschreibung des Seewegs nach Indien – „Da ich nun schon mehrmals meine Ansichten zum kürzesten Weg nach Indien, wo die Gewürze wachsen, geäußert habe, dass nämlich der kürzeste Weg ein Seeweg ist und nicht eure gewöhnliche Route über Guinea, so lässt du mich wissen, dass Ihre Hoheit jetzt gerne eine genauere Erklärung und Erläuterung wünscht, um jenen Weg zu verstehen und ihn einschlagen zu können.“ (Paolo Dal Pozzo Toscanelli 1474 an Ferdinando Martinez, Kanoniker in Lissabon, S. 112).

Der Bericht über die Zeugung eines außerehelichen Sohnes – „Gewiss hast du keinen Sohn aus Stein und Eisen gezeugt, denn du selbst bis aus Fleisch. Du weißt, was für ein Hahn auch du gewesen bist. Ich für meinen Teil bin weder ein Kastrat noch ein Eisklotz noch ein Heuchler […]. Ich sehe nicht ein, warum der Beischlaf so verdammenswert sein soll, wo doch die Natur, die nichts vergebens tut, allen beseelten Wesen diesen Trieb eingegeben hat“ (Brief Enea Silvio Piccoloinis an seinen Vater 1443, S. 142) – neben einem Bericht über die Anbahnung einer Hochzeit – „Die Tochter der Adimari haben wir nicht in die Finger bekommen, es ist uns nur bekannt geworden, dass sie schön und reich ist. Wir haben dann nicht weiter an sie gedacht, denn da sie eine so hohe Mitgift hat, steht nicht zu erwarten, dass man sie nach auswärts verheiraten wird. Die Familie hat kein Bedürfnis, sie unter Wert abzugeben. Deswegen haben ich sie mir aus dem Kopf geschlagen“ (Alessandra Macinghi an ihren Sohn Filippo 1465, S. 153).

So könnte ich jetzt seitenlang weiter Zitate aus der schönen Auswahl von Roth anfügen, aber um Lust zum Schmökern auf Witziges, Bewegendes, Kulturhistorisches, Skurriles oder Lehrreiches zu wecken, dürfte die Auswahl schon reichen – nur leider, wie schon erwähnt: Quartformat. Zwei Bände im Oktavformat hätten es sein sollen, dann könnte man das Buch auch im Sessel lesen, und dann würden sich wohl auch mehr Käufer finden, die nicht nach einer Geldanlage suchen, sondern nach einem Buch zum Lesen.

Thomas Heinrichs

Die Rezension ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

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