Einige programmatische Eckpunkte
von Ralf Schöppner

Wenn eine Humanistische Hochschule einen Studiengang „Psychologie“ aufsetzen möchte, dann sollte sie diesem ein spezifisch humanistisches Profil geben. Es liegt nahe, hierfür den Titel „Humanistische Psychologie“ zu verwenden. Dieser Titel ist allerdings bereits vergeben und er wird immer – ob die Hochschule das will oder nicht – in Verbindung gebracht werden mit der bekannten Humanistischen Psychologie à la Maslow, Rogers, Bühler, Perls u.a., die ihren Höhepunkt in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte. Der Titel erweckt daher unweigerlich eine ganze Reihe von Assoziationen, positive wie negative. Vor dem Hintergrund des Humanismus-Verständnis der Humanistischen Hochschule Berlin lässt sich an Impulse und Intentionen der „historischen“ Humanistischen Psychologie anknüpfen, allerdings nicht ohne wesentliche Modifikationen und Ergänzungen.
Geklärter Humanismusbezug
Der Humanismus der älteren Humanistischen Psychologie weist wenig bis keine klaren Konturen auf und seine Bezüge zur historischen Tradition des Humanismus bleiben unklar. Humanismus läuft hier Gefahr, eine allzu beliebige Formel mit wenig Unterscheidungskraft zu sein. Eine neuere Humanistische Psychologie muss interessiert und bemüht sein, das eigene Humanismus-Verständnis im Raum historischer und gegenwärtiger Konzeptionen des Humanismus zu verorten und zu explizieren.
Reflektierte Wissenschafts- und Rationalitätskritik
Der älteren Humanistischen Psychologie war eine starke Kritik an Wissenschaft, Vernunft und Rationalität zu eigen. Sie war dabei nicht frei von problematischen Umschlägen in überzogene Abwertungen der europäischen wissenschaftlichen Tradition und einseitige Aufwertungen von Intuition, Gefühl und Körperlichkeit, bis hin zu religiösen, spirituellen, mystischen und esoterischen Erlebnisformen. Eine neuere Humanistische Psychologie teilt die kritischen Impulse, wird aber deren Umschläge in gegenteilige Einseitigkeiten vermeiden müssen.
Philosophische Anthropologie
Die ältere Humanistische Psychologie war geprägt von einem beinahe naiv anmutenden Erlösungsglauben an die Schaffung eines „neuen Menschen“ und an die eigene Welt- und Menschenrettungskompetenz, mitunter von starken Optimierungs- und Perfektionierungsfantasien. Eine neuere Humanistische Psychologie grenzt sich von Tendenzen einer quasireligiösen Heilslehre ab, fußt aber auf einer positiven humanistischen Anthropologie, die auf die Förderung positiver menschlicher Ressourcen vertraut und Menschen bei der Entfaltung ihrer individuellen und kollektiven Potenziale unterstützen will.
Lebensnähe
Eine neuere Humanistische Psychologie teilt die Kritik der älteren an lebensfernen Formen von Psychologie, in deren Zentrum Mathematisierung, Objektivierung, Experiment und Statistik stehen. Maslow sprach von einer „Psychologie des lebenden Menschen“ und Heinrich Balmer hoffte, mit der Humanistischen Psychologie der „öden Statistik und der Lebensferne der neopositivistischen Psychologie“ zu entkommen. Auch eine neuere humanistische Psychologie will kein wissenschaftliches l’art pour l’art sein, sondern Menschen in ihrem Leben und Zusammenleben unterstützen. Sie integriert aber Verfahren der empirischen und experimentellen Psychologie im Kontext der Sinn- und Deutungskompetenzen konkreter lebendiger Menschen.
Situierte Individualität
Manche Richtungen der älteren Humanistischen Psychologie überakzentuierten den Fokus auf das Selbst, seine Selbsterfahrung und seine Selbstverwirklichung. Es entstand der Eindruck, hier ginge es um eine solche Entfaltung der eigenen Fähigkeiten und Interessen, die sich nicht um die Bedürfnisse anderer und auch nicht um überindividuelle, d.h. auch gesellschaftliche und politische Belange kümmern müsse. Für eine neuere Humanistische Psychologie käme es darauf an, Selbstverwirklichung oder die „Errettung der modernen Seele“ (Eva Illouz) im Kontext interpersoneller Beziehungen und gemeinsamer Projekte zu sehen und eine Psychologisierung des menschlichen Selbst- und Weltverständnisses zu vermeiden.
Der Aufsatz ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.
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