Arbeitswelten. Neue Perspektiven aus Räumen der Re/Produktion

Cover Arbeitswelten. Neue Perspektiven aus Räumen der Re/ Produktion
© Springer-Verlag GmbH

Arbeitswelten
Neue Perspektiven aus Räumen der Re/Produktion
Doutch, Michaela/ Engelhardt, Anne/ López, Tatiana/
Premchander, Sauma/ Wenner, Miriam (Hrsg.)

Springer Spektrum, Heidelberg 2026,
376 Seiten, 44,99 €
EAN: 9783662709542

Rezension von Frieder Otto Wolf

 

 

Diese verdienstvolle Aufsatzsammlung eröffnet Humanist*innen eine eindrucksvolle und vielfältige, alles andere als gängige Perspektive auf die Arbeitswelt.

Das gilt bereits für die in diesem Band in einem „programmatischen Aufschlag“ zusammengefasste kritische Perspektive von Stefanie Hürtgen, die „vier konzeptionelle Schneisen als notwendige Horizonterweiterungen der Labour Geography“ begründet (38)  – nämlich ein Verständnis von „Arbeiter:innen … als multiskalaren Akteuren“ (38), sowie „als Verausgabende von Arbeitskraft in den weltweit vernetzten Produktionszusammenhängen und staatlichen Ordnungen“ (38f), ihre „Agency auch in ihrer restriktiven Formen [sic] der (Selbst-)Unterwerfung, Abspaltung und Negation zu thematisieren“ (39) und – vor allem – „den Klassenwiderspruch als inhaltlichen, nicht nur sozialökonomischen, sondern wegen der leiblichen Verfasstheit der Arbeitskraft eben auch sozialökologischen zu fassen“ (39). Auf dieser Grundlage kann sie überzeugend einfordern, „raumproduzierendes Arbeiter:innen-Handeln … in seiner Widersprüchlichkeit in den Blick zu nehmen“, da sie eben diese Widersprüchlichkeit auch mit der „Umkämpftheit von Raum“ in Zusammenhang sieht (39).[1]

Die  versammelten Beiträge vor allem jüngerer Wissenschaftler*innen – die Mehrzahl ist weiblich -, unter denen sich auch eine bahnbrechende Untersuchung von der inzwischen emeritierten Christa Wichterich über „transnationale Sorgeketten“ (am Beispiel der indischen Krankenpflegekräfte in Deutschland) findet, untersuchen, nach den als Teil I geführten einleitenden Texten, in sieben Teilen durchaus exemplarisch Strukturen und Kämpfe, wie sie die vielfältigen Arbeitswelten bestimmen: (II) Soziale Reproduktion, (III) Migration und Prekarität, (IV) globale Produktions- und Logistiknetzwerke, (V) Digitalisierung, (VI) Arbeit, Transformation und Werte sowie (VII) Doing Labour Geographies.

In der Einleitung der Herausgeberinnen, sowie in einem programmatischen Schlussteil von Michaela Doutch zu den „Herausforderungen und Potenzialen einer moderierten feministisch-partizipativen Aktionsforschung im Bekleidungssektor Kambodschas“ wird eine kritische Perspektive der Erneuerung der Labour Geography insgesamt angeboten.

Im Einzelnen sind bemerkenswerte Analysen und Überlegungen zu finden – so etwa (in Teil II) zu ‚Deutschlands ländlicher Peripherie (Tine Hubner); zur Räumlichkeit von „Kämpfe[n] um körperliche Unversehrtheit“ (Anne Engelhardt); zu einer Planung im Sinne der „Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit in suburbanen Wohngebieten (Henriette Bertram); oder (in Teil III) zur Arbeit „im Kontext langanhaltender Vertreibung“ (Benjamin Etzold), sowie (in Teil IV) zu „[n]euen Ansätze[n] der gewerkschaftlichen Vernetzung und Organisierung“ (Hendrik Simon); zu „Konflikte[n] und Machtressource[n]“ in einem „Logistikcluster“ (Hans-Christian Stephan); zur Frage eines „[s]ocial upgrading of migrant workers in global production“ (Ting-Chien Chen und Daniel Schiller) und (in Teil V) zu den „Arbeitsgeographien der Plattformökonomie (Moritz Altenried, Mira Wallis und Daniel Jarczyk); zum Einfluss von „[d]igitale[n] Arbeitsvermittlungsplattformen“ auf die „Zeit-Räume der Re/Produktion“ (Isabella Stingl und Marisol Keller); zu „[a]rbeitsgeographischen Strukturierungen von unsichtbarer, zukunftsgerichteter und emotionaler Arbeit im digitalen Raum“ (Alica Repennig) über „[d]omestic technology and skill in the digital era“ (Lizzie Richardson).

Eher problematisch in ihrem Gesamtansatz erscheinen mir die Beiträge des sechsten Teils (VI. Arbeit, Transformation und Werte), mit einem entsprechend programmatischen Beitrag von Miriam Werner und Sinje Grenzdörffer, auch wenn einzelne Analysen – zur „Arbeit in einer Landkommune“ (Feline Tecklenburg und Roman Kiefer), zu „Green Skills“ in einer „Nachhaltigkeitstransformation“ (Martina Fuchs), zu einem „post-anthropozentrischen Arbeitsbegriff“ (Vicky Kluzik) ebenso anregend wie provokativ zu lesen sind.

Auch wenn des Öfteren eine Marginalisierung der Klassenkämpfe zu beklagen ist, hat dieser Band generell vor allem den Effekt, ein Bewusstsein für die reale Komplexität der gesellschaftlichen Verhältnisse, ihre Dynamik und ihre mehrdimensionale Umkämpftheit zu wecken und voranzubringen. Dabei werden zu Recht insbesondere die Widerstände und Initiativen ‚von unten‘ betont und als solche rekonstruiert.

Der Versuch, sowohl an zentrale marxistische Einsichten anzuknüpfen als auch das herrschende ‚Wissenschaftssprech‘ zu bedienen, führt leider immer wieder zu Formulierungen, die geradezu einer ‚Entschlüsselung‘ bedürfen. Dennoch ist festzuhalten: Wer sich ich als Humanist*in Gedanken über Gegenwart und Zukunft der Arbeit machen will, sollte unbedingt diesen schwierigen Sammelband sorgfältig und kritisch lesen.

[1] Allerdings verengt sie diesen Bezug auf gesellschaftliche Kämpfe subjektivistisch auf „vor allem … [die] inhaltliche […] emanzipative (Selbst-)Veränderung“ (39).

Die Rezension ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

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