Das Deutsche Demokratische Reich

Das Deutsche Demokratische Reich.
Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört.
Volker Weiß

Klett-Cotta, Stuttgart 2025 (2. Auflage), 288 S., 25 €
ISBN: 978-3-608-96667-1

Rezension: Wolfgang Proske

 

 

Verkehrungen und Umdeutungen – Zur aktuellen Geschichts- und Geopolitik des antieuropäischen Nationalismus

Unser Blick auf die Geschichte unterliegt durch die Interessen der Zeit einer beständigen Neujustierung. Was noch gestern galt, muss heute keineswegs richtig sein. Identitätsstiftende nationale Heldenmythen etwa hat die moderne Wissenschaft mit gutem Grund weitgehend überwunden. Auf der Grundlage von Fakten, wie sie im Idealfall den Archiven entnommen werden, verweisen aufgeklärte Historiker:innen heute eher auf gesellschaftliche Strukturen. Daraus erklären sie den Überbau der dazu passenden Ideologien. Erst im dritten Anlauf folgen auf dieser Grundlage die handelnden Personen, die nur so als Kinder ihrer Zeit richtig einzubetten sind. Im Mittelpunkt stehen also nicht mehr die „großen Männer“ vergangener Tage, sondern ihre Basis, wenn man so will die idealtypisch gefassten Schultern der Vielen, auf denen sie stehen sowie der sich dahinter erstreckende weite Hintergrund.

Mancherorts ist dieser aktuelle Forschungsstand noch nicht angekommen. In der rechten Froschperspektive erscheint das Bemühen um sozialwissenschaftlich fundiertes Wissen inklusive der Kulissen als „Vergiftung der Vergangenheit“. Ihre Protagonisten ersehnen ein Rollback in das 20. Jahrhundert, genauer gesagt wohl in den Mainstream reaktionärer Geschichtsinterpretationen vor 1968 bzw. 1945, und einer von ihnen erklärt der modernen Wissenschaft sogar formell den „Krieg“ (S. 9).

Aus dem Angriff auf die Geschichte wird aber schnell der generelle Angriff auf die Gesellschaft (S.11). Der Neuen Rechten darf mit Fug und Recht die Vorbereitung eines Bürgerkrieges vorgehalten werden, wobei sie von der pluralen Meinungsvielfalt heute und dem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung massiv profitiert. Ihr Ziel ist das Gegenteil: die Wiederkehr eines autoritär-faschistoiden Staatswesens mit strenger Normierung für alle. Sie will insofern nicht einfach die Vergangenheit erforschen, sondern primär ihre eigene momentane Gegenwart legitimieren und daraus Honig saugen. Entsprechend dürftig sind die Ergebnisse. Ihre Vorurteile müssen immer „geglaubt“ werden, denn zu belegen sind sie kaum. Damit sie Wirkung erzielen, werden sie, wie ein alter Vordenker dieser Szene es empfahl, laut herausgebrüllt und penetrant wiederholt.

Der 1972 geborene Historiker Dr. Volker Weiß, ein profunder Kenner der Neuen Rechten in Deutschland, bietet in seinem 2025 bereits in zwei Auflagen erschienenen neuen Buch einige gut ineinandergreifende Zeitdiagnosen. Er widme sich „den Überschreibungen und Umdeutungen des Historischen, mit denen in der Gegenwart massiv Politik gemacht wird.“ (S. 11) Schwerpunkte bilden erstens die „neue russisch-deutsche Allianz am rechten Rand“ (mit ausführlichen Verweisen auf entsprechende Mikro-Beziehungen), zweitens die „Versuche des AfD-Milieus, den Nationalsozialismus zu etwas gänzlich anderem zu machen“ und entsprechend die Deutungshoheit über Geschichte und Gegenwart zu gewinnen. Weiter wird drittens auf die momentan grassierende „antikommunistische DDR-Nostalgie“ eingegangen, wie sie sich gerade am rechten Rand bemerkbar mache. Am Ende geht es vertiefend um ausgesuchte Begriffe bzw. deren „Resignifikation“ (Neuinterpretation) und ihre gelegentliche Kaperung, immer wenn das von Vorteil zu sein scheint und unabhängig von ihrer ursprünglichen Bedeutung. Das alles mündet schließlich in eklektisch zusammengeschusterte „alternative Fakten“. Gerade Humanist:innen wissen um solche Vorgänge, weil ja bereits vermeintliche Querdenker aus dem neurechten Milieu über „freies Denken“ spekulierten, gar für sich Begriffe wie „Freigeist“ oder „Freidenker“ in Anspruch zu nehmen versuchten. Auch die feindliche Übernahme des Begriffs „Humanismus“ ist längst im Gange (vgl. Schöppner, Ralf (Hg.): Erasmus von Rotterdam – Humanist, nicht Nationalist, 2020 (Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Deutschland, Bd. 8).

Wer die politischen Ereignisse der vergangenen Jahre aufmerksam mitverfolgt hat, wird im neuen Buch von Volker Weiß viele erkenntnisfördernde Details, allerdings nur wenig wirklich Neues finden. Weiß legt Wert auf Allgemeinverständlichkeit; entsprechend didaktisch ist seine Argumentation gehalten.

Das große Plus dieses Buches ist die gut lesbare Zusammenfassung der bisherigen Erkenntnisse über die neurechte Entfaltung insb. in Ostdeutschland. Besonders gut gelungen sind Weiß seine Herleitungen zu zentralen Begriffen der NS-Ideologie wie „Volksgemeinschaft“, „Sozialismus“ oder „Arbeit“, die implizit zeigen, warum die NS-Ideologie auf viele so verführerisch wirkte. Die Arbeit zum Beispiel (vgl. S. 140ff), so der frühere NS-Chefideologe Joseph Goebbels, dürfe nicht länger über die gesellschaftliche Stellung des Einzelnen entscheiden. Maßgebend dafür müsse vielmehr „die Ergebenheit in das Schicksal“ sein, die Frage also, „wie ich die Stelle, an die Gott mich gestellt hat, ausfülle.“ Marxistische Klassenkampfphrasen seien des Teufels, denn die „Schichtung des Volkes“ in „hoch und niedrig“ sei grundsätzlich natürlich. Aufgehoben werde sie erst im Nationalsozialismus durch eine gelingende „Volksgemeinschaft“ aller „produktiv schaffenden“ Deutschen unter Ausschluss der nicht Dazugehörenden, wobei Klassenunterschiede, landsmannschaftliche Zugehörigkeiten oder konfessionelle Unterschiede als irrelevant zu überwinden seien. Diese Volksgemeinschaft sei die Voraussetzung für „wahren Sozialismus“ als einem „schicksalmäßigem Angewiesensein aller Volksgenossen aufeinander“. Sozialismus à la NSDAP werde „die Klassen zusammenschließen“ und deshalb das Volk „rassisch und kulturell“ in politische Überlegenheit führen: Der Zweite Weltkrieg war die versuchte Anpassung der Wirklichkeit an die Theorie.

Nicht alle Schlüsse von Weiß lassen sich eins zu eins nachvollziehen. Dass er eine angeblich linke Verwurzelung der Nazis, Lieblingsthema beispielsweise von Beatrix von Storch, derart ausführlich untersucht, dürfte in der alten Bundesrepublik das von Weiß anderswo erhoffte „schallende Gelächter“ (S. 213) hervorrufen. Gleichzeitig werden andere brandaktuelle Fragestellungen stiefmütterlich oder gar nicht behandelt wie z.B.: Warum wurde der Nationalsozialismus, verglichen mit den Ländern der alten BRD, im Osten vor und nach 1989 deutlich weniger untersucht? Gibt es denn keine Graswurzelbewegungen wie z.B. unabhängige Geschichtswerkstätten, die für einen gleichen Forschungsstand sorgen, falls akademische Interessen einer Aufarbeitung im Wege stehen? Warum gewinnt der Rechtsextremismus gerade in den neuen Bundesländern stetig an Einfluss? Warum sieht Weiß die frühere DDR von 68-ern „weitgehend verschont“ und welche Folgen dürfte das für deren weitere Entwicklung gehabt haben? Woher kommt eigentlich in allen neuen Ländern der an altbayrische Verhältnisse erinnernde „regelrechte Grünen-Hass“?

Diesen kritischen Anmerkungen steht allerdings auch eine rundum positive Seite der Medaille gegenüber. Sehr erhellend finde ich seine Verweise auf die tiefreichenden Zusammenhänge zwischen dem Staatschristentum der russisch-orthodoxen Kirche und neurechtem Denken, wie sie gerade von der Synthese zwischen Ultranationalismus und religiösem Fundamentalismus bei Alexander Dugin ausgehen. Ob solche Ideen allerdings jemals prägenden Eingang in dortige politische Entscheidungen finden werden, ist meines Erachtens noch unentschieden. Sehr bemerkenswert und für ganz Deutschland gelten dürfte sein Befund, dass es während der Covid 19-Pandemie zu wahnhafter, dem Rechtsextremismus viel Auftrieb gebender Konfusion kam wie zum Beispiel der Überzeugung, grundsätzlich könne heutzutage gar nichts mehr geglaubt werden und dass dies bei einigen schließlich umgeschlagen ist in eine Haltung, die prinzipiell bereit ist, alles zu glauben, je abwegiger, desto besser: „Echsenwesen“ und ihr vermutetes Wirken in Raum und Zeit lassen grüßen.

Was lässt sich aus dem „DDR-Buch“ von Volker Weiß lernen? Dem von Götz Kubitschek und Jürgen Elsässer gekaperten Begriff „DDR“ im Sinne von „Deutsches Demokratisches Reich“ wäre weiter nachzugehen. War das wirklich ernst gemeint? Auf mich als Süddeutschen wirkt diese offensichtlich im Überschwang geäußerte Vorstellung (S. 244, Anm. 3) ähnlich sinnvoll wie, sagen wir, irgendeine „großartige“ Idee aus dem Munde des aktuellen amerikanischen Präsidenten. Ist also an dieser Bezeichnung nach 2023 weiter festgehalten worden? Was sagt es uns, wenn heute in der Neuen Rechten ausgerechnet der Begriff „DDR“ resignifiziert wird? In diesem Zusammenhang scheint mir der von der Recherchegruppe Correctiv kommende Hinweis bedeutsam, dass sich in den Reihen der AfD „eine signifikant hohe Anzahl ehemaliger hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter“ befinde (S. 206).

Die Rezension ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

Dr. Wolfgang Proske ist „Sozialwissenschaftler, Historiker und Pädagoge. Er arbeitete von 1977 bis 2017 als Lehrer, zuletzt für Geschichte und Bildende Kunst, war zeitweise Schulleiter und Entwicklungshelfer und ist Herausgeber und Mitautor der Buchreihe Täter, Helfer, Trittbrettfahrer über NS-Belastete aus Baden-Württemberg und Bayern. 2014 begründete er den ´Kugelberg Verlag – Verlag für historische Sozialforschung`“. (Wikipedia) – Die von Proske herausgegebene Buchreihe nimmt nun nach 20 Bänden in Baden-Württemberg und Bayern auch Thüringen ins Visier. Dort werden vier Bände mit Herausgeber Tom Fleischhauer erscheinen. Vorgesehen sind inzwischen auch zwei Bände für Berlin und zwei Bände für Brandenburg, herausgegeben von Thomas Irmer und Christoph Kopke.

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