
Marx als Demokrat
oder: Das Ende der Politik
Alex Demirović
Dietz Berlin, Berlin 2025
2. Auflage, 192 Seiten, 16,00 €.
EAN: 9783320024109
Rezension von Frieder Otto Wolf
© Dietz Berlin
In dem Band „Marx als Demokrat oder: das Ende der Politik“ hat Alex Demirović in einem einleitenden Essay seine – zugegebenermaßen paradoxe – Nachzeichnung von Marx‘ politische-theoretischen Interventionen noch einmal zusammengefasst (und leicht) aktualisiert, wie er sie in seinem 1997 erschienenen Buch[1] ausführlicher dargestellt hatte. Wie die angefügte Textsammlung erkennen lässt, vertritt er in der Konsequenz – er hat selbstverständlich die Interventionen Althussers, die ‚epistemologischen Einschnitte‘ bei Marx zu betonen, als solche zur Kenntnis genommen – eine kontinuistische Marx-Lektüre, in der die Differenzen zwischen den Ansprüchen und Intuitionen des jungen Marx und seinen später vollzogenen wissenschaftlichen Durchbrüchen konsequent heruntergespielt werden. Das hat den offenbar unvermeidlichen Nebeneffekt, Marx‘ philosophische Interventionen der Sache nach zu interessanten Meinungsäußerungen herabzusetzen, weil ihnen der Rückbezug auf Marx‘ Durchbrüche zu heute noch gültigen wissenschaftlichen Wahrheiten abgeschnitten wird.
Diese Haltung des Herausgebers wird auch in der Auswahl von vor allem Marxschen Texten deutlich, die Demirović in der zweiten Hälfte dieses Bandes zusammengestellt hat: Vor allem biographisch interessante Dokumente stehen neben Frühschriften, in denen Marx (und später auch Engels) noch auf der Suche nach einer problemadäquaten wissenschaftlichen Behandlungsweise gewesen sind, gefolgt von – auffällig wenigen – Dokumenten der voll entwickelten Kritik der politischen Ökonomie, sowie einigen Textstücken aus dem Zusammenhang der von Marx niemals ‚systematisch‘ dargestellten ‚Kritik der Politik‘, wobei auffällt, dass die für Marx zentrale Problematik der ‚Diktatur des Proletariats‘ nicht als solche angesprochen wird.
Insgesamt also einerseits eine durchaus anregende und gut lesbare Lektüre, andererseits aber eben auch, letztlich und genau genommen, eine Blockade für eine unbestritten schwierig gewordene ernsthafte Rezeption der wissenschaftlichen Leistungen (und der damit auf in der Tat komplizierte Weise verbundenen politischen Perspektiven von Marx).
Im Einzelnen:
- Der neue Text beginnt (S. 9-10) mit einer kurzen Metakritik an der verbreiteten Marx-Kritik, dieser hätte „weder eine Theorie der Politik und des kapitalistischen Staates noch eine Theorie der Demokratie ausgearbeitet“ (9). Demirović stellt dem mit gewissem Recht entgegen, dass es für Marx‘ „Methodenverständnis“ (ebd.) – allgemein betrachtet – entscheidend ist, „zu fragen, wie ein bestimmter sozialer Inhalt oder eine gesellschaftliche Funktion eine besondere, eine konkrete Form annimmt“ (ebd.). Allerdings übersieht er hier einfach, wieviel an programmatischen Antizipationen und später auch an theoretischen Untersuchungen Marx (zumeist ohne Engels) spezifisch seiner ‚Kritik der Politik‘ gewidmet hat.[2] Statt diesem wichtigen Thema als solchem nachzugehen, geht Demirović hier ohne Weiteres zu seiner eigenen „besonderen Frage“ (ebd.) über: „Warum also herrscht die bürgerliche Klasse in der Form von Mehrparteiensystemen, von / pluralistischen Öffentlichkeiten, der Gewaltenteilung von Parlament, Regierung, Verwaltung, Justiz“ (9f). Abgesehen davon, dass es hier historisch gewichtige ‚Ausnahmen‘ gegeben hat – etwa in kolonialen oder in faschistischen Regimen, in welchen doch die Klassenherrschaft der Bourgeoisie ungebrochen war, spielt diese Aussage die Differenziertheit auch der ‚normalen‘ Gestalten der bürgerlichen Staaten herunter, die von stark zentralisierten zu stark föderalen, von präsidialen zu parlamentszentrierten Staats- und Regierungsformen reicht. Vor allem aber verschiebt sich mit dieser Wendung die Untersuchung von den materiellen Reproduktionsbedingungen der politischen Herrschaftsreproduktion in modernen bürgerlichen Gesellschaften (in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht[3]), wie sie Marx‘ wirklicher ‚Kritik der Politik‘ zugrunde liegt, auf eine völlig losgelöste Erörterung ‚politischer Formen‘.
Zunächst diskutiert Demirović unter dem Titel „Demokratie und Totalitätskritik“ die allgemeinen Grundlagen seiner Darstellung. Was er hier unter „Totalitätskritik“ versteht, wird allerdings nicht klar – allenfalls ließe sich eine kurze Passage zum „“‘ungeheure[n] Überbau‘“ (11) als eine nähere Ausführung verstehen. In diesem Abschnitt stellt Demirović eingangs – nicht völlig ohne reale Grundlagen, wenn wir Marx‘ Ausarbeitungen zur Kritik der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise als Maßstab nehmen – einfach fest , dass „sich bei Marx so wenig zu diesen Fragen findet“ (10), übersieht aber völlig, dass in Marx‘ verstreuten, aber durchaus gewichtigen Beiträgen zu einer ‚Kritik der Politik‘ doch bereits wichtige Voraussetzungen, Ausgangsüberlegungen und exemplarische Untersuchungen dazu ausgearbeitet vorliegen. Er verweist zu Recht auf das Problem, dass (nicht nur im Stalinismus) „die Bemühungen, Marx‘ Theorie in Praxis umzusetzen, schließlich autoritäre oder gar totalitäre Folgen“ hatten[4], weiß dem aber nur die allzu allgemeine Forderung entgegenzusetzen, dass eine „genaue materialistische Forschung die Grundlage von Urteilen und emanzipatorischen Praktiken sein muss“ – als ob Marx‘ in der Tat schwierige Schriften zur ‚Politik‘ und zur ‚Diktatur des Proletariats‘ uns nicht vorliegen würden – und zwar relativ ausgearbeitet und mit einer bedeutenden Wirkungsgeschichte versehen.
Immerhin nimmt Demirović – wie ich denke, etwas verzerrt auf die Problematik des allgemeinen Verhältnisses von Basis und Überbau bezogen – explizit Marx‘ „theoretische Andeutungen und kritische Bemerkungen zu den Überbauten“ zur Kenntnis (11). Er sieht auch, dass es hier unterschiedliche Schwerpunkte in Marx‘ Texten gibt, geht allerdings nur näher darauf ein, dass „[e]her in frühen Texten von Marx … explizit demokratietheoretische Fragen angesprochen {werden]“ (ebd.) und dass in „den vielen journalistischen Publikationen ab 1848“ Marx „Prozesse in Politik, parlamentarischer Demokratie und Öffentlichkeit kommentiert“ hat (ebd.) Marx‘ gewichtige, wen auch verstreute spätere Beiträge zu einer ‚Kritik der Politik‘ erwähnt er hier mit keinem Wort und unterwirft sich zugleich dem theoretischen Gegenfeuer der herrschenden Ideologie: „Wollte man es fachlich trennen …, fielen viele dieser Analysen eher in den Bereich der politischen Soziologie“ – auch wenn er hilflos hinzufügt, das dies „allerdings Marx‘ Theoriebildung nicht angemessen wäre“ (ebd.). Immerhin tritt er Perry Andersons offensichtlich falscher These entgegen (11f), Marx – vielleicht im Unterschied zu einigen Marxisten – habe keine Theorie des „bürgerlich-demokratischen Staats“ zu bieten (12), auch wenn diese sicherlich der Weiterentwicklung und Konkretisierung bedarf. Hier wäre es wichtig, auf Engels zumindest zu verweisen, der bereits reflektiert hat, unter welchen Voraussetzungen in voll entwickelten bürgerlichen Demokratien ein ‚friedlicher Übergang“ in einen sozialistischen Transformationsprozess möglich wäre (MEW 18, 260, vgl. Meyer 1966). Demirović ungelöstes – und, wie ich denke, unlösbares – Problem wird dann deutlich, wenn er meint, die Marxsche Problematik der ‚Kritik der Politik‘ sei identisch mit der der ‚Kritik der politischen Ökonomie“, d.h. mit dem von Marx im Kapital trotz aller Unvollständigkeit weitgehend eingelösten Vorhaben, „nur die innere Organisation der kapitalistischen Produktionsweise … zu begreifen“ (13). Genau hier geht Demirović auch etwas verwirrend auf die Marxsche Problematik des ‚idealen Durchschnitts‘ ein – durch die Marx, im Anschluss an das aristotelische Verständnis von Wissenschaft und in seiner Erweiterung auf moderne Erfahrungswissenschaften, die Wissenschaftlichkeit seiner Kritiken charakterisiert. Demirović charakterisiert stattdessen den ‚idealen Durchschnitt‘ als etwas, das „die innere Organisation der kapitalistischen Produktionsweise ausmacht – ein Moment, ohne das sich kapitalistische Ausbeutung und kapitalistische Herrschaft nicht vollziehen können“ (ebd.) – mit anderen Worten als ein Moment der konkreten historischen Realität der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise in modernen bürgerlichen Gesellschaften – was zumindest einer expliziten Begründung bedürfte, meines Erachtens aber einfach falsch ist.
- Von diesem Ausgangspunkt aus behandelt Demirović neun „besondere Herausforderungen, mit denen antikapitalistische Strömungen, also Anarchismus, Sozialismus, Kommunismus, unter den Bedingungen des Parlamentarismus zu tun haben“ (ebd.):
- „Wer ist das Volk?“ (ebd.)
- Was bedeutet es, dass sich „die sozialistische Linke … dem Pluralismus nicht entziehen“ kann. (14)
- Wie ist es möglich, „zwischen den parlamentarischen Einzelentscheidungen und dem großen Ziel einer Veränderung des gesellschaftlichen Ganzen eine Beziehung herzustellen“ (ebd.) – und zwar nicht irgendeine, etwa imaginäre, sondern eine real wirksame.
- Wie kann erreicht werden, „dass alle, die von kollektiven Entscheidungen betroffen sind, an den entsprechenden Entscheidungsprozessen teilnehmen können“. (15)
- Wie passt das „Ziel einer neuen Produktionsweise“ (ebd.) dazu, dass in einer Demokratie „jede getroffene Entscheidung zur Disposition steht“(ebd.)?
- Wie kann die Kurzatmigkeit einer bloßen Ideologiekritik überwunden werden, um „Kämpfe um den Bedeutungsgehalt von Demokratie“ (16) richtig und erfolgversprechend führen zu können?
- Wie kann proletarische Bündnispolitik „in den Prozess der parlamentarische Mehrheitsgewinnung übersetzt“ (ebd.) werden?
- Wie kann die Linke lernen, einen Pluralismus zu praktizieren, der „bis in den Kern wissenschaftlicher Grundbegriffe hineinreicht“? (17)
- Es entspricht dem allgemeinen Stand der Debatte und ist „auch kein besonderes Merkmal der marxistischen Diskussion, dass sie bei der Vieldeutigkeit und Instabilität des Gegenstands zu keinen endgültigen Ergebnissen gelangt ist … über den Gegenstand ‚Demokratie‘ und seinen wissenschaftstheoretischen Status“ (ebd.).
[1] Alex Demirović: Demokratie und Herrschaft. Aspekte kritischer Gesellschaftstheorie. Münster: Westfälisches Dampfboot, 1997.
[2] Vgl. den immer noch nützlichen Überblick bei Tosel 1979, der vor allem auf den aktuellen Stand der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) zu bringen wäre. Inhaltlich ist auch Tosel 1996 ein wichtiger Beitrag zu einem ‚endlichen‘ Marx-Verständnis.
[3] Schon nach Marx‘ eigenen, späten Untersuchungen (vgl. Saito 2023) zur Eigenständigkeit der ökologischen Dimension des Raubbaus keineswegs ausschließlich. In Marx‘ Politik wurde auch die Eigenständigkeit feministischer oder anti-imperialer Kämpfe und Forderungen angesprochen. Diese Perspektiven sind erst im Prozess der parteiförmigen ‚Offizialisierung‘ des ‚Marxismus‘ als Parteiideologie verschwunden.
[4] Ob sie diese wirklich haben „mussten“, wie Demirović formuliert, wäre m.E. erst noch zu untersuchen.
Der gesamte Aufsatz steht Ihnen als zitierfähiges PDF zum Lesen und Downloaden zur Verfügung.
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