Berliner Neutralitätsgesetz reloaded

 

(c) Ikhsan Sugiarto | Unsplash
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Thomas Heinrichs argumentiert, dass die seit Jahren vorherrschenden Diskussionen darüber, ob muslimische Lehrerinnen in der Schule ein Kopftuch tragen dürfen, weniger mit staatlicher Neutralität zu tun haben als mit der Stellung des Islam in Deutschland.

Autor: Thomas Heinrichs
Erschienen: 02/2021
Seiten: 11 Seiten

 

 

 

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Ein Kommentar

  1. Um 1900 wäre vielleicht ein Freidenker daran zu erkennen gewesen, dass er einen Schillerkragen trägt und keine Krawatte. Eine aufgekärte Frau hätte man vielleicht an der Reformkleidung erkannt, eine „unaufgeklärte“ am Korsett. Aber zu einem wirklichen Symbol taugte all das nicht. Die gesamte Freidenkerei hat über hundert Jahre vergeblich versucht, sich durch ein Zeichen kenntlich zu machen, das dem Kreuz Paroli bietet, mal war’s die Flamme, dann die Fackel, die das Licht der Aufklärung in die Dunkelheit des Kirchenglaubens trägt. Alles vergebliche Liebesmüh. Doch wie leichter hätten es heute die Säkularisten. Sie könnten sich sichtbar – mit ihren Kindern in der Schule etwa – gegen Kopftücher absetzen, gegen Kreuze sowieso, na, und bald gegen Turbane … Diese Lücke bringt Freidenker leicht zur Neutralität, sie haben nichts zu verlieren.

    Bei den Humanisten war die Sache von Beginn an einfacher. Sie sind nämlich Pluralisten. Und sie sind keine Kampforganisation. Ihre Lehre ist die Barmherzigkeit: humanitas. Der Rudolph Penzig, über den ich gerade schreibe, hat im ersten modernen Humanistenverein, der „Humanistischen Gemeinde Berlin“ (1887 ff.), immer wieder versucht, den Mitgliedern und seinen Schülern im „Religions- und Lebenskunde“-Unterricht in der Gemeinde, den Unterschied zu den Freidenkern deutlich zu machen. Beim Humanismus gehe es nicht um „Duldung“ oder um die sogar im päpstlichen Lexikon vorkommende „Toleranz“, sondern um das Lernen und Einüben von „Verständnis“, „Weitherzigkeit“, „Nachsichtigkeit“ und „wohlwollender Güte“.

    Thomas Heinrichs schreibt zwar in seinem Aufsatz, der nur bündelt, was er seit zehn Jahren dem HVD vergeblich zu sagen versucht, dass es diesem als Weltanschauungsgemeinschaft unbenommen ist, gegen den Islam und jede andere Religion vorzugehen. Das stimmt. Dieses kann der HVD aber nicht im Namen des Humanismus, sondern aus der freidenkerischen Tradition heraus, die der Verband seit seiner Gründung 1993 vergeblich zu überwinden versucht.
    Nun hat sich der HVD BB entschlossen, eine eigene „konfessionelle“ Hochschule, die denen der Kirchen gleicht, einzurichten. Endlich. Zu meiner Zeit sollte das Ding noch „neutral“ sein – und ist u.a. deshalb als Projekt gescheitert. Er kämpft also jetzt um eine Gleichberechtigung mit den Religionen in der Hochschulausbildung, nicht für eine „Freidenker-Hochschule“, die lehrt, wie man Religionen entlarvt.

    Wer für Beides eintritt, eine Pro-Positionierung im Streit um das diskriminierende Neutralitätsgesetz und ein Pro für die „Humanisten-Hochschule“ gerät ins Stolpern, wenn aus der „Gleichbehandlung“ bestimmte Religiöse ausgeschlossen werden sollen. Die Forderung nach Gleichbehandlung hat nun einmal Folgen – etwa einige daraus, was die Anerkennung der Menschenrechte besagt, gerade wenn mit „Humanismus“ argumentiert wird. Und da macht es keinen Unterschied, ob es um Schülerinnen oder Lehrerinnen geht, gerade weil nun auch der weibliche Teil der Menschheit zu dieser gehört.

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