Auf den Spuren von Anton Wilhelm Amo

 

(c) transcript

 

Hrsg.: Stefan Knauß, Louis Wolfradt, Tim Hofmann, Jens Eberhard
Erschienen: transcript, Bielefeld 2021
Seiten: 266
Preis: 60,00 €
ISBN: 978-3-8376-5697-8
Rezensent: Martin Mettin

 

 

 

Ein wiederentdeckter Aufklärungsdenker

Er gilt als der erste schwarze Philosoph in Deutschland: Anton Wilhelm Amo, der selbst den Beinamen Afer (lateinisch: der Afrikaner) führte. Geboren wurde dieser zu Lebzeiten nicht unbekannte Intellektuelle der Frühaufklärung um 1703 bei Axim im heutigen Ghana. Sein Weg nach Europa ist nach aktuellem Forschungsstand nicht eindeutig rekonstruierbar, wahrscheinlich war dieser eng mit dem niederländischen Sklavenhandel über den Atlantik verbunden. Belegt ist jedenfalls, dass der junge Amo 1707 an den Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel gebracht und dort, vermutlich als ‚Geschenk‘, in die Patronage des Herzogs übergeben wurde. Er kam in den Genuss umfassender Schulbildung, studierte Jura und Philosophie in Halle, wo er 1727 eine Disputation De iure Maurorum in Europa (deutsch: Über das Recht der Mohren in Europa) abhielt. Dieser Text ist heute verschollen. In Wittenberg erfolgte 1730 die philosophische Promotion über Die Empfindungslosigkeit der menschlichen Seele, wie alle seine Texte bewusst in lateinischer und nicht in deutscher Sprache verfasst.

Zwar wurden schon 1968 seine auffindbaren Werke, darunter auch ein Traktat über die Kunst nüchternen und sorgfältigen Philosophierens (1738), an der Universität Halle-Wittenberg im lateinischen Original sowie in deutscher und englischer Übersetzung wiederveröffentlicht. Dennoch war es bis in die jüngste Zeit hinein recht still um den Frühaufklärer Amo, der es immerhin bis zum angesehenen Privatdozenten an verschiedenen wichtigen Universitäten in Mitteldeutschland schaffte – neben Halle und Wittenberg gehörte auch Jena zu den akademischen Stationen. Diese Stille setzte bereits mit seinem Verschwinden aus Europa im Jahr 1747 ein, als Amo an die ghanaische „Goldküste“ unter ungeklärten Umständen ‚zurückkehrte‘, wo sich seine Spuren verlieren. Seit einigen Jahren ist jedoch ein wachsendes Interesse an Amo zu bemerken. Das zeigt sich nicht nur in verschiedenen, auch internationalen Publikationen, die sich insbesondere mit seiner Biographie befassen, sondern auch ganz aktuell an den Diskussionen und Initiativen zur Umbenennung der Berliner Mohrenstraße. 2020 wurde die Umbenennung in Anton-Wilhelm-Amo-Straße beschlossen, bis heute ist sie aufgrund anhängiger Beschwerden allerdings noch nicht vollzogen. Gegner der Umbenennung bezweifeln, dass der bisherige Straßenname rassistisch sei, und verweisen auf historische Unklarheiten.[1]

Der aktuelle Streit um die Straßenumbenennung verdeutlicht, dass die Figur Anton Wilhelm Amo zum Gegenstand erinnerungspolitischer Debatten geworden ist, die unter Schlagworten wie Dekolonialisierung und Identitätspolitik firmieren. In diesen nicht selten sehr hitzig geführten Auseinandersetzungen haben es differenzierte und nüchterne Betrachtungen häufig schwer. Umso verdienstvoller ist es, dass nun der umfangreiche Sammelband Auf den Spuren von Anton Wilhelm Amo von Stefan Knauß, Louis Wolfradt, Tim Hofmann und Jens Eberhard herausgegeben wurde, der beides leisten soll: Einmal will er die Eigenständigkeit von Amos Schriften und seinen Beitrag zur Philosophie der Frühaufklärung einordnen und angemessen würdigen, ein Denken, das gerade die „Universalität der menschlichen Vernunft“ (S. 16) ins Zentrum stellt. Sodann soll, diesen Spuren folgend, der gegenwärtige Ruf nach Interkulturalität (so der Untertitel des Bandes) mit und nach Amos Philosophie nachvollzogen werden. Die Herausgeber weisen dabei selbst auf ein Problem hin, das mit diesem Unterfangen einher geht, ist doch Amos Denken, zumindest in den uns bekannten Schriften, ganz mit Problemen und Diskussionen der europäischen Philosophie seiner Zeit befasst. Themen oder Aspekte eines interkulturellen Philosophierens tauchen namentlich bei Amo nicht auf. Selbst die Frage nach der Rechtsstellung schwarzer Menschen ist bei Amo, zumindest wenn man die spärlichen zeitgenössischen Dokumente über dessen erste Disputation zur Kenntnis nimmt, wesentlich im Kontext der europäisch geprägten Jurisprudenz angesiedelt, wenngleich Amos Fremdheitserfahrung dabei eine gewisse Rolle spielt.[2] Folgerichtig heißt es, mit Blick auf die Verbindung Amos zu genannten Schlagworten aktueller Debatten, in den einführenden Überlegungen der Herausgeber: „Die Verkürzung von Leben und Werk Anton Wilhelm Amos auf griffige ‚Labels‘ läuft allerdings bisweilen selbst Gefahr, zu einer bloßen Instrumentalisierung seiner Person beizutragen. Jedenfalls kann sie der Komplexität und Vielschichtigkeit seines Schaffens nur unzureichend gerecht werden.“ (S. 10) Dennoch sehen die Herausgeber die Öffnung des Bandes zu Fragen der interkulturellen Philosophie in Leben und Werk Amos gerechtfertigt: „Ebenso blendet dagegen eine vollständige Entpolitisierung Amos, etwa, indem man ihn als gewöhnlichen (deutschen) Philosophen auffasst, wesentliche Teile dessen aus, was gegenwärtig für die öffentliche Auseinandersetzung mit ihm bedeutsam ist. Amos Biographie sowie seine philosophischen wie juristischen Arbeiten sind untrennbar mit der europäischen Kolonialpolitik und zeitgenössischen Formen des Rassismus verbunden, auch wenn sie selbstverständlich nicht darin aufgehen.“ (S. 10)

Die Beiträge des Bandes sind entsprechend zweigeteilt. Der erste Teil des Buches widmet sich eingehend dem Werk Amos und dessen Einordnung in die durchaus ambivalente europäische Aufklärungsgeschichte. Im zweiten Teil knüpfen die Beiträge nur lose, häufig auch gar nicht an Amo an und beschäftigen sich insgesamt mit Phänomenen, Potentialen und Problemen einer interkulturellen Philosophie und Geisteswissenschaft, wobei ein Schwerpunkt in der postkolonialen Kritik liegt. Diese konzeptionelle Entscheidung begründen die Herausgeber folgendermaßen: „Amos Eintreten für eine universelle Vervollkommnung des Menschengeschlechts und sein wissenschaftlicher wie lebenspraktischer Kampf gegen die Rassialisierung nicht-weißer Menschen und deren Versklavung lassen ihn aus heutiger Perspektive moderner, kritischer und zuletzt auch konsequenter erscheinen, als dies bei den ungleich breiter rezipierten Aufklärungsphilosophen des 18. Jahrhunderts der Fall gewesen ist.“ (S. 15)

Amo und die Philosophie

Gerade im Hinblick auf die Verortung Amos im Aufklärungsdenken leistet der Sammelband einen wichtigen Beitrag und ist in seiner Gesamtkonzeption sichtlich um Differenzierung und Darstellung verschiedener Positionen bemüht, etwa wenn es um die aktuell vielfach diskutierte Frage geht, ob Immanuel Kant oder andere Protagonisten der deutschen Aufklärung rassistischem Gedankengut Vorschub geleistet hätten. Die beiden Aufsätze, die den ersten Abschnitt einleiten, bilden in ihren gegensätzlichen Stellungnahmen bezüglich dieser Debatte recht gut den aktuellen Streit ab. Bärbel Völkel, die auch eine biographische wie intellektuelle Einordnung Amos vornimmt, argumentiert, dass Kant mit seiner Schrift Von den verschiedenen Rassen der Menschen (1775) eine rassistische Kategorisierung vornimmt, wobei den unterschiedlichen Hautfarben jeweils wertende und abwertende Eigenschaften, etwa hinsichtlich intellektueller Fähigkeiten, assoziiert werden. Daraus resultiere eine „überaus ausgeprägte Ignoranz und Überheblichkeit Kants gegenüber Schwarzen Menschen“ (S. 32), die für das Aufklärungsdenken im Großen und Ganzen stilprägend gewesen sei. Dennoch vermeldeten sich auch innerhalb der Aufklärung Gegenstimmen wie etwa diejenige Johann Friedrich Blumenbachs, der „eine ideengeschichtliche Alternative zum hierarchisierenden Rassenverständnis“ (S. 34) geliefert und dabei, anders als Kant, auch Amo zur Kenntnis genommen habe.[3] Bei aller berechtigten und notwendigen Kritik an rassistischen Ressentiments, die in den Schriften Kants (und vieler seiner Zeitgenossen) anzutreffen sind, tendiert Völkels Aufsatz jedoch zu einer undifferenzierten Generalabrechnung mit dem kantischen Denken und dem der Aufklärung insgesamt. So lautet das Fazit: „Bevor die Gleichheit der Menschen zum Programm werden konnte, war bereits vorher ein Ungleichheitsdiskurs geboren worden, der Gleichheit an aufklärerische Bedingungen wie Rationalität und Bildung zu binden vermochte.“ (S. 38) Die Pointe dieser Kritik besteht dann aber nicht darin, allen Menschen Zugang zu (emanzipierender) Bildung zu ermöglichen, sondern Bildung als Technik des Ausschlusses grundsätzlich infrage zu stellen. Zu danken ist Völkels Aufsatz hingegen dafür, dass er eine zweifelhafte Episode der Erinnerung an Anton Wilhelm Amo thematisiert und aufarbeitet: nämlich eine unhistorische und rassistische Klischees bedienende Statue, die 1965 auf dem Universitätscampus in Halle aufgestellt wurde und in sehr schiefer Weise das DDR-Engagement für ein Freies Afrika (so der Titel der Skulptur) mit der Erinnerung an Amo engführt. Es handelt sich dabei um die „stereotype Darstellung [eines] halbnackten Schwarzen Menschen“, „neben eine Schwarze Frau imaginiert, die zwar ‚Seinesgleichen‘ ist, die er aber wohl nie gehabt hat“ (S. 37).[4]

Zu einer ganz anderen Einschätzung des Verhältnisses von Amo und Kant gelangt Michaela Ott, die eine philosophiehistorische Charakterisierung von Amos Dissertationsschrift über die Empfindungslosigkeit (Apatheia) der menschlichen Seele präsentiert. Amo erweist sich hier als ein eigenständiger bis eigenwilliger Leser der Schriften Aristoteles’ und Descartes’. Besonders die unkonventionellen Anleihen am aristotelischen Geist-Begriff und ein auf die Spitze getriebener Körper-Geist-Dualismus, der noch denjenigen Descartes’ übertrifft, verdienen hier Beachtung. Mit diesem philosophischen Rüstzeug gelangt Amo zu einer starken „Betonung der Empfindungslosigkeit und Leidensfreiheit des Geistes“ (S. 51), was dessen Rationalitätskonzept in die Nähe zu Kant rückt. Und aus dieser „Kant’schen Perspektive“ erscheint Amos Denken „als Vorwegnahme der Emanzipations- und Selbstbestimmungsabsicht der aufklärerischen Philosophie“ (S. 51). Dieses universalistische Grundmodell, wonach alle Menschen grundsätzlich an Vernunft teilhaben und diese Vernunft von (zufälligen) körperlichen und sozialen Bedingungen unabhängig ist, eignet sich aber nicht nur zur Emanzipation. Es kann auch in Vereinseitigung umschlagen und dabei den somatischen, affektiven und anderen Aspekten menschlichen Lebens zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Wie auch immer man Amos Apatheia-Konzept beurteilen mag, so „trifft [es] sich nicht […] mit heutigen Denkansätzen“, die unter dem Titel Afrikanische Philosophie gefasst würden, da „die Analyse menschlicher Geistestätigkeit nicht im Zentrum afrikanischen Philosophierens“ (S. 51) stehe – wie Ott am Ende zu bedenken gibt, indem sie beispielhaft auf Achill Mbembes Arbeiten verweist. Für Ott scheint daher Amos Werk nicht der ideale Ausgangspunkt einer interkulturellen Philosophie zu sein.

Dass Amos Schriften auch in anderen philosophischen Kontexten von Interesse sein können, zeigen zwei weitere Beiträge des Bandes. Andrej Krause untersucht in seinem Aufsatz Amos Denken in Bezug auf die traditionelle Logik. Im Kern geht es dabei um die Kunst, aber auch die Tugend rationalen Argumentierens, das durchaus leidenschaftlich praktiziert werden kann. Mit Amos eigenen Worten reformuliert Kruse gleichzeitig ein Plädoyer dafür, „ohne Verbissenheit zu widerlegen und uns ohne Wut widerlegen zu lassen“ (S. 81). Weit über die Fragen philosophischer Logik hinaus ist damit eine Grundvoraussetzung benannt für wesentliche gesellschaftliche Bereiche, die auf Kommunikation und Verständigung angewiesen sind. Wie fragil diese Grundvoraussetzung ist, zeigt sich heute in erschreckend vielen Bereichen, wenn sich etwa in theoretischen, kulturellen und politischen Debatten sehr schnell ein aggressiver Tonfall einstellt und der Austausch von Gedanken und Begründungen durch Positionierungsgesten verdrängt wird.

Jacob Emanuel Mabe schließlich argumentiert, dass Amo ein ganz eigenes Verständnis einer philosophisch interpretierenden Geschichtsschreibung entwickelt habe, die geradezu modern anmute: „Nach Amo ist die Hermeneutik keine bloße Interpretationsphilosophie, sondern vielmehr ein methodisches Prinzip des Verstehens und Begründens der zu untersuchenden historischen Zeugnisse im gegenwärtigen Kontext.“ (S. 61) Mithilfe von Amos hermeneutischem Verfahren, das unter anderem auf enzyklopädischem Wissen, Glaubwürdigkeit und Unparteilichkeit, aber auch Mehrsprachigkeit basiere, könne man Texte wie etwa diejenigen von Hegel und Kant auch hinsichtlich ihrer problematischen, bisweilen rassistischen Passagen immanent kritisieren, ohne deren Denken insgesamt zu annullieren. Vielmehr müsse man aufzeigen, wo jeweils die Prinzipien der Glaubwürdigkeit und Unparteilichkeit zugunsten bloßer Ressentiments verlassen würden. „Mit ihren maßlosen Vorurteilen gegenüber Afrika verletzen Kant und Hegel eindeutig die von Amo beschriebenen Regeln für die objektive Interpretation der Geschichte.“ (S. 66) Historische Redlichkeit ist dabei eine wesentliche Voraussetzung, um das Ideal der einen Menschheit, in der alle in Freiheit und Selbstbestimmung anerkannt werden, nicht aus den Augen zu verlieren: „Von Amo können wir heute lernen, dass nur ein gutes Verständnis der Vergangenheit es uns ermöglicht, das Wissen zu erzeugen, das für alle Völker und Kulturen annehmbar ist.“ (S. 66)

Zwischen den Kulturen?

Am Übergang vom ersten zum zweiten Teil des Bandes widmet sich Constant Kpao Sarè der „Literarisierung der Person und des Werkes von A.W. Amo“, so der Aufsatztitel. Hier steht weniger das philosophische Œuvre als vielmehr das ambivalente Interesse an Amo als schwarzem Menschen im Mittelpunkt. Zu lesen ist etwa von den rassistischen Anfeindungen, denen Amo in Form eines Schmähgedichtes bereits zu Lebzeiten ausgesetzt war und die möglicherweise eine Ursache für sein Verschwinden aus Deutschland darstellen. Nach einer langen Zeit der literarischen „Amo-Amnesie“ (S. 84) wird der schwarze Aufklärungsphilosoph dann um die 2000er herum zur Hauptfigur verschiedener literarischer Texte und Theaterarbeiten. Dabei weist Kpao Sarè darauf hin, dass die wenigsten dieser Versuche der Komplexität von Werk und Biographie Amos gerecht werden und sogar einige problematische „Nebenwirkungen“ haben: „nicht selten wird sein Leben mit Rückbesinnungstendenzen mit der Herkunftsidentität oder mit persönlichen Belangen in Zusammenhang gebracht.“ (S. 93)

Alle weiteren Beiträge des Sammelbandes – immerhin acht Stück und damit mehr als die Hälfte – nehmen dann nur noch sporadisch Bezug auf Amo. Die Versammlung der Texte unter der Überschrift einer interkulturellen Philosophie erscheint dabei als recht disparat. Der Vorzug dieser Zusammenstellung besteht sicherlich darin, dass auch im zweiten Teil des Bandes sehr unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen und damit aktuelle Kontroversen an einem Ort dokumentiert und ausgeführt werden, auch wenn der Zusammenhang zu Amo nicht immer auf der Hand liegen mag. Beispielsweise plädiert Ram Adhar Mall, deutsch-indischer Philosoph und eine der Gründungsfiguren der interkulturellen Philosophie in Deutschland, für einen tatsächlich kosmopolitischen Ansatz des Philosophierens, der neben der europäischen Tradition auch die indische und fernöstliche Geistesgeschichte sowie andere Traditionen angemessen zur Kenntnis zu nehmen hätte: „Was wir daher heute brauchen, ist eine pluralistische Kartographie der Philosophiegeschichte. […] Es war und ist immer noch oft eine europäisch-philosophische Einäugigkeit zu meinen, Philosophie spreche nur griechisch und deutsch.“ (S. 151) Im Rekurs auf Schwierigkeiten interkultureller Verständigung in der mittelalterlichen Religionsphilosophie legt Arne Moritz mit seinem Beitrag jedoch nahe, dass der Philosophiebegriff für die interkulturelle Kooperation schlecht geeignet sei und plädiert für andere Formen intellektuellen und praktischen Austauschs.

Neben weiteren Beiträgen zu verschiedenen Strömungen der interkulturellen Philosophie befassen sich einige Aufsätze dezidiert mit Fragen der postkolonialen Kritik. Aus humanistischer Perspektive ist hier besonders der Beitrag von Daniel Hildebrandt lesenswert, der anhand der Schriften Frantz Fanons weniger die kulturellen als vielmehr die ökonomisch-politischen und die psychologischen Dimensionen des Rassismus zum Gegenstand macht. Laut Hildebrandt ist Rassismus eine „menschenfeindliche[] und anti-universalistische[] Ideologie“ und damit ein „stetiger Antihumanismus“ (S. 115). Fanon erweist sich im Kampf hiergegen als ein Humanist, der „psychiatrische Praxiserfahrungen, Psychoanalyse und gesellschaftstheoretische Erkenntnis“ (S. 130) in seiner Kritik rassistischer Verhältnisse verbunden hat. Für Hildebrandt ein Ansatz, der auch angesichts aktueller Phänomene des Rassismus an der Zeit sei.

Wie weiter mit Amo?

Angesichts von Anton Wilhelm Amos Philosophie, auf deren Spuren sich das Buch begeben möchte, ließe sich fragen, warum als zweites Hauptthema die Interkulturalität derart viel Raum erhält. Nicht, dass es sich dabei um kein relevantes Thema handeln würde. Allein die Dominanz aktueller Debatten um Identität und Kultur zeigt, dass dieses Thema unsere Gegenwart umtreibt. Doch im Kontext der Schriften Amos wirkt es etwas äußerlich hinzugefügt. Wäre es seinem eigenen Denken nicht zumindest genauso naheliegend gewesen, Beiträge zu Migration und Menschenrechten oder aber zur Philosophie des Geistes im Zeitalter der Neurowissenschaften anzufügen? Beides Themengebiete, die Amo in den Kategorien und im Vokabular seiner Zeit vielleicht stärker tangiert als das Thema der Interkulturalität. Auch wenn die thematische Zweiteilung des Sammelbandes nicht vollends überzeugt, so leistet das Buch doch in zweierlei Hinsicht einen wichtigen Beitrag: Es eröffnet Perspektiven, Amo in der Philosophiegeschichte künftig stärker zur Kenntnis zu nehmen. Und es formuliert in seiner Vielstimmigkeit auch ein Plädoyer, Amos Ruf zum nüchternen, vernünftigen Disput ernst zu nehmen, gerade im Handgemenge der Gegenwart. Ram A. Mall gibt in seinem Beitrag diesbezüglich Folgendes zu denken: „Neulich haben die Student*innen der weltbekannten Institution ‚School of Oriental and African Studies (SOAS)‘ in London protestiert und verlangt, dass Philosophen wie z. B. Kant und andere aus dem Philosophiecurriculum entfernt werden sollen. Aber hier ist eine kritische Anmerkung erlaubt. Man darf nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Denn es ist nur das Wasser, das schmutzig ist und nicht das Kind. Das Philosophie-Kind muss gerettet werden. Interkulturelle philosophische Orientierung ist nicht anti-europäisch. Sie ist eine epistemische Strategie, um eine Haltung mit der Fähigkeit und Forderung zu philosophieren und philosophieren zu lassen zu verbinden (und dies, ohne einen exklusiven Anspruch zu erheben).“ (S. 150)

Der bisherige Kanon der Philosophie sollte also nicht abgeschafft, vielmehr erweitert werden. Es wäre schön, wenn der Sammelband dazu beiträgt, Anton Wilhelm Amos Denken und Schriften öfter auf die Lehrpläne zu setzen und wenn er die Diskussionen um Amos philosophische Bedeutung anfeuert. Der Aufklärungsmetropole Berlin ist derweil zu wünschen, dass bald tatsächlich eine zentrale Straße an Amo erinnert und dazu ermuntert, sein Engagement für Vernunft und Menschlichkeit in der Gegenwart fortzusetzen.

 

Dr. Martin Mettin lehrt und forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ausbildungsinstitut für Humanistische Lebenskunde Berlin-Brandenburg. Er studierte Philosophie sowie Sozial- und Rechtswissenschaften in Leipzig und Berlin. 2019 erfolgte die Promotion an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Praktische Philosophie, Kritische Theorie, Humanismus, Sprachphilosophie und Ästhetik.

https://humanistisch.de/ausbildungsinstitut

[1] Vgl. https://leute.tagesspiegel.de/mitte/macher/2021/06/30/177672/1134-widersprueche-gegen-die-umbenennung-der-mohrenstrasse/ (Zugriff am 4.3.2022).

[2] Vgl. Ottmar Ette: Anton Wilhelm Amo. Philosophieren ohne festen Wohnsitz. Eine Philosophie der Aufklärung zwischen Europa und Afrika. Berlin: Kadmos 2014, S. 31–49.

[3] Diese Einordnung Blumenbachs ist übrigens nicht unumstritten. Laut Ottmar Ette beispielsweise müsse Blumenbach „als einer der maßgeblichen Erfinder von Rassenkategorien und Rassenhierarchien gelten“ (Ette: Anton Wilhelm Amo, S. 11).

[4] Schon vor einer Weile hat die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg auf die vermehrt geäußerte Kritik an der Statue reagiert. Seit 2021 ist ein erklärendes Hinweisschild angebracht. Zu den Hintergründen vgl. https://www.amo.uni-halle.de (Zugriff am 4.3.2022).

Die Rezension ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

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