Olaf L. Müller: Pazifismus in Zeiten wie diesen?

 

 

 

 

 

Foto: Pexels Cottonbro Studio

Pazifismus in Zeiten wie diesen?

Auch eine Frage von Pessimismus und Optimismus

Blutrünstige Angriffe wie derjenige der Hamas auf Israel am 7. Oktober stellen Pazifisten, die optimistisch auf das Gute im Menschen setzen, vor große Herausforderungen. Da sich ein pragmatischer Pazifist nicht auf reine Gesinnungsethik festlegt, hat er auf solche Herausforderungen eine doppelte Antwort. Einerseits wird er eng abgezirkelte Verteidigungserfolge mit Waffengewalt (wie etwa durch schon zehn Bewaffnete der Notfallverteidigungseinheit im Kibbuz Nir Am) nicht etwa moralisch verteufeln, sondern voller Erleichterung loben. Andererseits wird er darauf aufmerksam machen, dass es schon allein deshalb keine überzeugende rein militärische Gesamtantwort auf die fraglichen Terrorattacken geben dürfte, weil sie aller Voraussicht nach auf Seiten der Angegriffenen und deren Angehöriger so starke Rachegefühle befeuern wird, dass sich abermals zunächst harmlose Menschen in Schlächter verwandeln können. In dieser Hinsicht zieht der Pazifist pessimistische Lektionen aus der jüngsten Geschichte (etwa des NATO-Kriegs in Afghanistan). Auch bei anderen Themen ist der Pazifist pessimistischer als seine Kontrahenten, beispielsweise mit Blick auf die derzeit steigende Atomkriegsgefahr. Handelt es sich um Panik, Angst oder Sorge? Dass die gezielte Suche selbst nach recht unwahrscheinlichen Risiken eines Atomkriegs alles andere als irrational sein muss, ergibt sich aus einer kursorischen Analyse neuester Entwicklungen im Verhältnis zwischen Russland und dem Westen.

Ein verbrecherischer Massenmord und seine kriegerischen Konsequenzen

An einem einzigen Tag im Oktober 2023 massakrierten Kämpfer der Hamas und anderer palästinensischer Terrorgruppen im Blutrausch über tausend Israelis, überwiegend jüdische Frauen, Kinder und Zivilisten, sowie mehr als zweihundert Angehörige anderer Nationen: ein Massenmord, der auf die Judenheit und damit auf die Menschlichkeit insgesamt zielte.

Hilflos und ratlos fragt man sich, ob diese Tatsache schockierender ist als die Tatsache, dass die monströse Aktion ebenso kaltblütig wie perfektionistisch geplant war oder dass sie auf perverse Weise im Netz durch triumphale Videos dokumentiert, ja gefeiert wurde bis hin zur Aufputschung antisemitischer Aktionen allerorten.

Angesichts derartiger Ereignisse fällt es nicht leicht, als Pazifist an der optimistischen Überzeugung festzuhalten, dass der Mensch aus sich heraus erst einmal gut ist, von Natur aus nicht zu Monstrositäten neigt und daher auch nicht immer mit vorgehaltener Pistole zur Raison gebracht werden muss.[1] Ist ein jeder wohlverstandener Pazifismus damit am Ende?

Kommt darauf an, was wir unter Pazifismus verstehen. In seiner bekanntesten Spielart gesinnungsethischer und rigoristischer Couleur („Sag immer sofort und ohne Bedenken Nein zu jedweder kriegerischen Aktion“) ist er schwer auszuhalten – und lässt sich vermutlich nur im Rahmen religiöser Weltanschauungen respektieren, denen zufolge beispielsweise dem Geschehen im irdischen Jammertal keine erhebliche Bedeutung zukommt.

Damit werden sich die wenigsten abspeisen lassen, und so sollten wir unter säkularen Vorzeichen weiterdenken.[2] Wir müssen die Augen für alles Unheil in unserer ureigenen Welt schreckensweit aufsperren und dürfen die Herzen vor dem Leid derjenigen Opfer nicht verschließen, die sich mit militärischer Waffengewalt vor dem Zugriff blutrünstiger Mörder schützen ließen.

Was das heißt, lässt sich exemplarisch am 7. Oktober 2023 dingfest machen. Während in weitgehend wehrlosen Kibuzzen Hunderte von Israelis ermordet wurden, vermochten schon allein ein Dutzend bewaffneter Personen der Notfallverteidigungseinheit (Kitat Konenut) aus Nir Am ihren Kibbuz ohne eigene Verluste bis zum nachmittäglichen Eintreffen der israelischen Armee zu verteidigen; im Verlauf des Kampfs töteten sie eine Reihe von Hamas-Kämpfern. Was wäre herzloser und blinder, als diese Rettung individueller Menschenleben leichthin vom hohen Ross pazifistischer Besserwisserei herab zu verdammen!

Es ist wichtig zu sehen, dass man Pazifist sein kann, ohne sich derartiger Verrücktheiten schuldig zu machen. Pragmatische Pazifisten beispielsweise denken lieber in Grautönen als in Schwarz/Weiß, sie verzichten auf starre moralische Regeln zur Unterscheidung von Gut und Böse, weshalb sie ihre hartnäckige Ablehnung kriegerischer Maßnahmen nicht um jeden Preis hochhalten müssen.[3] Und so werden sie ohne Wenn und Aber heilfroh sein über den Erfolg der tapferen Verteidiger von Nir Am.[4] Man muss freilich kein weltfremder Traumtänzer sein, um darauf zu bestehen, dass solche kurzfristigen Erfolge zu wenig sind und dass die rein militärische Denkweise bei einer Ausweitung des Zeithorizonts weder Frieden in den Nahen Osten bringen wird noch Sicherheit für die Israelis und ihre Nachbarn.

Als deutscher Pazifist sehe ich mich kaum imstande, ausgerechnet den Juden aus Israel Rat-Schläge darüber zu verpassen, wie sie sich der lebensbedrohlichen Gefahr aus ihrer Nachbarschaft am besten, saubersten und klügsten zu erwehren haben. Statt darüber zu philosophieren, wann Angriff die beste Verteidigung ist und wann nicht, oder darüber, wann sich die Sicherheit eines Staates nur durch Kompromisse mit den Feinden steigern lässt und wann ebendies nichts bringt, zitierte ich den ehemaligen Kommandeur der US-Streitkräfte in Afghanistan, Stanley McChrystal, der nach knapp neun Jahren Krieg gegen afghanische Aufständische desillusioniert festgehalten hat:

„Wer zwei von zehn Aufständischen [oder Terroristen – O.M.] tötet, sieht sich hernach acht Aufständischen gegenüber: 10-2=8; so jedenfalls bei einem konventionellen Blickwinkel. Vom Blickwinkel der Aufständischen aus sieht es anders aus. Die zwei Getöteten hatten höchstwahrscheinlich viele Verwandte, die sich nun rächen wollen… Der Tod zweier Aufständischer führt daher zur Rekrutierung weiterer Personen: 10 minus 2 ergibt nicht 8, sondern 20 (oder mehr)“.[5]

Abgesehen davon, dass in diesem Resümee der westlichen Militäraktion die Opfer unter unbeteiligten Afghanen weder beweint werden noch in ihren Folgen für den weiteren Aufwuchs von islamistisch motiviertem Terrorismus einberechnet sind, und abgesehen davon, dass der israelische Gegenschlag auf den Gazastreifen (im Vergleich zum Afghanistan-Krieg) schon in kürzerer Zeit einen noch schockierenderen Blutzoll unter Unbeteiligten fordert, dürfte schon allein für getötete Hamas-Terroristen eine ähnliche Rechnung gelten wie in McChrystals Formel: 10 minus 2 gleich 20.

Können wir solche pessimistischen Lehren mit dem pazifistischen Optimismus vereinbaren, den ich eingangs habe aufblitzen lassen? Durchaus; wenn der Mensch aus sich heraus erst einmal gut ist, dann ist damit nicht gesagt, dass er sich unter keinen Umständen in einen Schlächter verwandeln kann. Rache beispielsweise ist – genau wie McChrystal darlegt – ein mächtiger Treibstoff für solche Transformationen.

Gerade der Pazifist spricht sich seit jeher gegen Rachegefühle aus (Matth. 5, 39) und empfiehlt zumindest ihre Zügelung; aber er sollte nicht so tun, als gäbe es tief in uns Menschen keine Tendenz, den gewaltsamen Tod der Liebsten und Nächsten rächen zu wollen. Genau deshalb sind Pazifisten äußerst skeptisch bei allen Versuchen, Frieden ausgerechnet mit martialischer Waffengewalt zu erzwingen.

Ein drastisches Beispiel für pazifistischen Pessimismus

Wie dargelegt, umfasst ein wohlverstandener, realitätsnaher Pazifismus nicht nur optimistische Leitideen. Nun ist es keine Frage objektiver Wissenschaftlichkeit, wo Optimismus und wo Pessimismus am Platze sind; es ist eine Frage des Welt- und Menschenbildes, also auch eine Frage von Werthaltungen.

Um das zu illustrieren, möchte ich auf ein äußerst pessimistisches Denkmotiv hinweisen, das seit bald siebzig Jahren im pazifistischen Denken eine große Rolle spielt: Sorge vor der Atomkriegsgefahr.[6] Sie wird von Gegnern des Pazifismus oft verhöhnt, so als handele es sich um eine irrationale Panik oder um die hasenfüßige Bereitschaft, sich erpressen zu lassen – German Angst...

Pazifisten werten anders und sehen sich in guter, rationaler Gesellschaft: unter Leuten, die lieber etwas zu vorsichtig sind als zu unvorsichtig. Objektiv und wertfrei lässt sich schwerlich entscheiden, welche Seite hier im Recht ist. Panik ist gewiss kein guter Ratgeber, Angst aber vielleicht manchmal doch und wohlverstandene Sorge allemal.

Wie lassen sich diese drei verwandten Seelenzustände voneinander abgrenzen? Wer panisch reagiert, ist gegenüber dem rationalen Denken taub. Eine Angst hingegen kann (muss aber nicht) einen rationalen Kern haben, lässt sich jedenfalls als Hinweisgeberin auf unter- oder halbbewusst registrierte Gefahren verstehen – daher wird uns in Selbstverteidigungskursen nahegelegt, unsere Ängste (etwa nachts auf dunkler Straße) nicht überstürzt zum Schweigen zu bringen, sondern aufmerksam zu prüfen. Angst also mag unsere Aufmerksamkeit zuweilen sehr wohl in die richtige Richtung lenken. Unter Psychologen redet man in diesem Zusammenhang oft von Furcht anstelle von Angst.

Panikattacken und Angstzustände sind zunächst einmal Widerfahrnisse; sie kommen über uns. Wir sind ihnen passiv ausgesetzt, sind nicht in erster Linie ihre Urheber. Anders bei der Sorge. Hier schalten wir gleichsam den rationalen Suchscheinwerfer ein, um aktiv Ausschau zu halten nach möglichen Gefahrenquellen, die es alsdann zu bewerten und gegebenenfalls auszuschalten oder zumindest halbwegs abzudichten gilt.[7]

Denken Sie nur an eine Ingenieurin, die für die Sicherheit eines Kernkraftwerks verantwortlich ist. Angst und Panik gehören weder zu ihrer Berufsehre noch zu ihrer Jobbeschreibung; gleichwohl hat sie die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, noch die kleinsten Risiken eines Super-GAUs auf dem Zettel zu haben. Sie muss aktiv nach allen erdenklichen Gefahrenquellen Ausschau halten. Und das ist alles andere als irrational; angesichts des weitreichenden Unheils einer Kernschmelze im Atomkraftwerk achtet sie auch auf Gefahren geringer Wahrscheinlichkeit wie etwa einen terroristischen Angriff mit entführten Passagierflugzeugen (was ja beim Betrieb eines Kohlekraftwerks außer Betracht bleiben kann).

Nun dürfte ein weltweiter Atomkrieg das allerungeheuerlichste Unheil sein, das die Menschheit herbeizuführen imstande ist. Genau deshalb empfehlen Pazifisten, diese Gefahr noch sorgfältiger in den Blick zu nehmen als die eines Super-GAUs. Das ist eine andere Haltung, als in panische Schreckstarre zu verfallen, um sich jedweder Atom-Erpressung aus dem Kreml zu unterwerfen. Nein, es bringt eine kühle Analyse derjenigen Risiken mit sich, die etwa daraus resultieren, dass wir den heißen, konventionellen Abnutzungskrieg am Leben erhalten, der auf den unentschuldbaren und schwerverbrecherischen Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine zurückgeht. Im Folgenden möchte ich einige Überlegungen zu dieser unerfreulichen Sache skizzieren.

Wir steigern die Atomkriegsgefahr

Solange Russen und Amerikaner über große Atom-Arsenale gebieten, ist schon allein die Wahrscheinlichkeit eines weltvernichtenden Atomkriegs aufgrund von menschlichem oder technischem Versagen zwar gering – aber nicht Null. Diese Wahrscheinlichkeit ist seit dem russischen Überfall auf die Ukraine erheblich gestiegen. Wenn der Abnutzungskrieg noch sechs Jahre dauert, so ist der Anstieg der Gesamtwahrscheinlichkeit eines versehentlich zwischen 2024 und 2030 ausbrechenden Atomkriegs grob dreimal so groß wie im Fall eines „nur“ zweijährigen Abnutzungskriegs. In der kurzen Frist werden wir die gestiegene Gefahr vermutlich überleben; das ist aber auf lange Sicht keine nachhaltige Strategie.

Wohlgemerkt, mit dieser Erwägung unterwerfen wir uns keinen Erpressungen aus dem Kreml. Putin droht ja nicht mit einem versehentlichen Atomschlag. Im Gegenteil, unabhängig vom propagandistischen Gebrüll in der russischen Glotze hat die russische Regierung immer wieder auf die offizielle Nukleardoktrin hingewiesen, der zufolge das atomare Arsenal nur für den Fall bereitsteht, dass die Existenz Russlands gefährdet ist.[8]

Nun diskutieren Teile der russischen Opposition im Exil ganz offen darüber, dass ihr Land am besten in eine Anzahl kleinerer Einheiten zerfallen sollte. Mit einem riesigen Vielvölkerstaat, der nur durch nackte Gewalt zusammengehalten wird, könne es auf Dauer keinen Frieden geben. Auch die westliche Rede vom erforderlichen Regime-Wechsel im Kreml könnte als Auslöser gewertet werden, wenn im Innern Russlands chaotische Unruhen ausbrechen.[9] Das alles ist ein Spiel mit dem Feuer, vor dem sorgenvolle Nuklearpazifisten warnen. Derzeit scheinen wir weit entfernt von solchen Szenarien zu sein, aber gerade im Durcheinander von Krieg stehen entsprechende Vorhersagen auf tönernen Füßen.

Noch alarmierender kann man etwas anderes finden. Und zwar weisen westliche Militäranalysten darauf hin, dass die strategische Bedeutung der russischen Nuklearmacht (und also ihre Einsatzwahrscheinlichkeit) in dem Maße steigen wird, in dem die konventionelle Streitmacht der Russen entwertet und – mit vom Westen gelieferten Waffen – zerschossen wird. Von unseren eigenen Experten werden wir bereits darauf eingeschworen, dass wir unsere Atomschlags-Kapazitäten genau deshalb ausweiten müssen.[10]

Mehr noch, mit offenkundiger Billigung des Kremls diskutieren hochkarätige Militäranalysten Russlands seit Juni 2023 kontrovers über die Lockerung der Nukleardoktrin. Genau wegen der Schwierigkeiten auf dem ukrainischen Schlachtfeld schlagen Köpfe wie Dmitrij Trenin und Sergej Karaganow vor, die Nukleardoktrin auszuweiten, wenn auch zum Glück bislang ohne Erfolg.[11]  Sie plädieren dafür, Atomschläge als echte Handlungsoption ins Auge zu fassen, die geeignet sind, um das Kriegsgeschick zu drehen. Beide Experten sind vor dem Überfall auf die Ukraine – trotz aller Meinungsverschiedenheiten – von ihren westlichen Gesprächspartnern ernstgenommen worden.

Mürrische Indifferenz?

Man kann auf das Gesagte mit Herfried Münklers gefeierter „mürrischer Indifferenz“ reagieren, so als ob es sich um billige Signale in Richtung schwächelnder NATO-Staaten handelte.[12] Mit objektiver Wertfreiheit lässt sich hiergegen nicht viel sagen; es handelt sich um ein robustes Quäntchen Optimismus. Doch auch gegen die pazifistische Interpretation dieser Diskussionen unter russischen Experten gibt es keine wertfreie Objektivität: Sorgenvolle Pazifisten sehen Anzeichen für die Vermutung, dass sich die bislang recht restriktive russische Nukleardoktrin – die wie gesagt Atomschläge nur im Falle einer Existenzbedrohung Russlands vorsieht – genau infolge der westlichen Unterstützung für den Verteidigungskrieg der Ukrainer drastisch verschlimmern könnte; wenn dem so ist, wären wir gerade im Begriff, unsere Erde mehr und mehr in ein Pulverfass zu verwandeln.

Sehen wir an dieser Stelle noch etwas genauer hin! In der Tat hat Münkler im selben Atemzug einigermaßen gelassen folgendes zu Protokoll gegeben:

„Man kann nicht ausschließen, dass nukleare Gefechtsfeldwaffen eingesetzt werden, etwa wenn große russische Einheiten eingeschlossen würden und deren Kapitulation für Putin als eine nicht hinnehmbare Niederlage erscheinen würde. Das ist denkbar“.[13]

Nun hatte die offizielle – vom Westen unterstützte – Planung der Ukraine für das Jahr 2023 genau das zum Ziel, was Münkler hier als nicht völlig unrealistischen Auslöser eines taktischen Atomschlags hinstellt – die russischen Truppen der Südfront sollten durch einen Vorstoß ukrainischer Truppen bis zum Asowschen Meer jäh von ihren Nachschublinien abgeschnitten werden.[14]

Tabu oder Fatalismus?

Münklers Gelassenheit dürfte damit zu tun haben, dass die Wirkung weniger, gezielt eingesetzter nuklearer Gefechtsfeldwaffen begrenzt wäre, also womöglich in ähnlichen Größenordnungen liegen dürfte wie die Kernschmelze in einem Atomkraftwerk – und dies müsste nicht zwangsläufig in den atomaren Weltkrieg führen.

Pazifisten haben an dieser Stelle freilich andere Sorgen. Die Menschheit hat nach Hiroshima und Nagasaki ein Tabu gegen kriegerische Einsätze von Atomwaffen errichtet. Wenn dies Tabu auch nur mit einer einzigen Atombombe durchbrochen wird, dann wird das – fürchten die Pazifisten – nicht die letzte Atomexplosion gewesen sein.[15]

Offenbar stehen Pazifisten mit dieser Sorge recht alleine da; Münklers mürrische Indifferenz bietet nur ein Beispiel für fatale, ja fatalistische Formulierungen, deren Ausbreitung mir das Blut in den Adern gerinnen lässt. Beispielsweise sagte die ukrainische Sängerin Mariana Sadovska bei einem Konzert im Kanzleramt, das kurz nach dem russischen Einfall in die Ukraine stattfand:

„Natürlich haben wir große Angst, dass dadurch alles eskaliert und es zu einem Atomkrieg kommt und die ganze Welt untergeht […] Aber wir können doch nicht so einen Verbrecher wie Putin davonkommen lassen, nur weil er mit der Atombombe droht […] Wenn die Welt untergeht, weil wir der Ukraine helfen, dann soll es halt so sein![16]

Hier haben wir eine Angst, die durch Fatalismus ausgeschaltet wird. Etwas kaltschnäuziger mit fast einem Hang zur Todessehnsucht gab sich der ehemalige Innenminister Gerhart Baum, als ihm in einer Talkshow die Gefahr entgegengehalten wurde, die von Putins Atomwaffen ausgeht. Er erwiderte blitzschnell:

„Ach, ach, damit arbeitet er ja, damit wir hier sozusagen in die Kniee gehen. Der Chinese hat ihm gesagt, das darfst Du auf keinen Fall machen. Ich möchte mal erleben, dass er das macht. Das wird eine schreckliche Bluttat“.[17]

Der Ton der öffentlichen Debatte wird schriller, und die allgemeine Furcht vor dem Atomkrieg scheint in den letzten Monaten immer weiter zu sinken.

Man kann nur hoffen, dass sich dieser Geist der Zeit nicht in den Köpfen der Entscheidungsträger einnistet. Der ukrainische, in Harvard lehrende Historiker Serhii Plokhy hat mit Akribie ein gutes Dutzend an Fehlern analysiert, die während der Kubakrise fast das Ende der Menschheit nach sich gezogen hätten. Im Vorwort tritt er einen Schritt zurück und sucht nach einer übergreifenden Erklärung dafür, dass die Katastrophe ausblieb – seine These: Der Ausbruch des weltvernichtenden Atomkriegs wurde vermieden, weil Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy beide auf ihre im Krisenverlauf steigende Furcht vor der Apokalypse gehört haben.[18] Wie gesagt, im Verlauf der derzeitigen Krise sinkt diese Furcht. Ich finde das beunruhigend.

Schlussbetrachtung

Die sorgenvollen Beobachtungen aus den letzten Abschnitten sprechen gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und müssen mit den guten Gründen zugunsten der Waffenlieferungen abgewogen werden; Pazifisten kommen dabei zu anderen Ergebnissen als ihre Kontrahenten.[19]

Der israelische Gegenschlag auf die Hamas ist in dieser Hinsicht weniger gefährlich. Zwar bringt er gigantisches Leid über unbeteiligte Palästinenser, deren Überlebende zum Teil auch wieder Rache schwören werden und später ausgeschaltet werden müssten – ein Teufelskreis, im schlimmsten Fall ohne Ende.[20] Doch Gottseidank verfügen bislang weder Hamas noch ihre Verbündeten über ein nukleares Arsenal, das die Welt in den Abgrund stürzen kann. Und in düsteren Zeiten wie diesen ist es fast schon beruhigend zu wissen, dass die israelische Armee (auch dank deutscher U-Boote) über eine atomare Zweitschlagskapazität verfügt, die auf rationale Gewaltherrscher in Teheran abschreckend genug wirkt; derzeit. Auf Dauer ist freilich auch das keine nachhaltige Strategie.[21]

Anmerkungen

[1] Es dürfte ebenso schwierig sein, objektiv durchschlagende Belege zugunsten dieser pazifistischen These zu finden, wie dagegen; ersteres wird seltener versucht (siehe aber Blattmann [WWKF] und Bregman [iGG]).

[2] Nichtsdestoweniger mag es sich sehr wohl lohnen, eingehender als hier möglich über die pazifistischen Lehren religiös motivierter Ausnahmemenschen wie Jesus Christus, Leo Tolstoi, Dietrich Bonhoefer und Mahatma Gandhi nachzudenken.

[3] Einige Einzelheiten dazu in O.M. [PV]:24-29

[4] Und antimilitaristische Pazifisten, die nichts gegen bewaffnete Polizei einwenden, können dies Ereignis im Sinne einer Individualmoral plausiblerweise als berechtigte Notwehr (oder auch Nothilfe) deuten, aber darauf bestehen, dass sich solche Fälle nicht ohne weiteres auf kriegführende Staaten, Armeen usw. übertragen lassen.

[5] Meine freie Übersetzung; hier der Wortlaut von McChrystal am 27.8.2009: „From a conventional standpoint, the killing of two insurgents in a group of ten leaves eight remaining: 10-2=8. From the insurgent standpoint, those two killed were likely related to many others who will want vengeance… Therefore, the death of two creates more willing recruits: 10 minus 2 equals 20 (or more) rather than 8“ (zitiert nach Grant [GMCA]; zur Datierung siehe Busse [ZMZT]).

[6] Einstein [üF]OM]:519-521, Russell [A]OM]/III:82-85, Tugendhat [NüAW].

[7] Schon vor einem halben Jahrhundert hat Hans Jonas für ähnliche Zusammenhänge seine klassische und wirkmächtige Heuristik der Furcht formuliert (Jonas [PV]).

[8]  Siehe z.B. Schmidt et al. [SmB].

[9] Vgl. Bidens unvorsichtige Improvisation am Ende seiner Warschauer Rede vom 26.3.2022 und die nachfolgende Klarstellung aus dem Weißen Haus (Sattar [R]).

[10] So weist der deutsche Militär-Experte Karl-Heinz Kamp „zu Recht darauf hin, dass der Verlust von großen Teilen der konventionellen Invasionsfähigkeit, die dem Land wegen des Kriegsverlaufs und der westlichen Sanktionen droht, zu einer größeren Gewichtung der Nuklearwaffen führen dürfte“ (zitiert nach Busse [BDLS]).

[11] Hierzu und zum folgenden siehe Schmidt et al. [SmB].

[12] So Münkler am 15.5.2022 in einem taz-Interview (Reinicke [PMüU]). Beispielsweise Elke Schmitter hat diesen Ausspruch kurz darauf gefeiert (Schmitter et al. [DSDB]:19).

[13] Münkler in Reinicke [PMüU]. – Unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass wir einen versehentlich ausbrechenden Atomkrieg vernachlässigen können, fuhr er fort: „Dagegen ist ein nuklearer Angriff auf ein Nato-Mitglied, der wohl mit entsprechenden Gegenschlägen beantwortet würde, etwas ganz anderes. Hier wirkt die gegenseitige Vernichtungsdrohung deeskalierend“.

[14] Das belegen Aussagen des amerikanischen Geheimdienstchefs William Burns vom Juni 2023 (zitiert nach Schuller [P]). Zwar hat Münkler zum Zeitpunkt seiner Aussage (im Mai 2022) um diese späteren Planungen nicht wissen können; er hätte aber damit rechnen dürfen, dass sich das Kriegsgeschehen durchaus in derartige Richtungen entwickeln könnte. – Schuller legt auch dar, wieso den fraglichen Planungen nicht der Erfolg vergönnt war, den eine Reihe von Experten für nicht unrealistisch gehalten hatten; dass er seine Darstellung mit den Worten einleitet: „Im Frühjahr [2023 – O.M.] gab es einen Plan für Frieden in der Ukraine“, zeigt überdeutlich, wie sehr sich Pazifisten und Waffenlieferungsbefürworter in der Einschätzung von Chancen und Risiken unterscheiden können (Schuller [P]; meine Hervorhebung).

[15] Weil ich dieser Art von Angst nicht völlig wehrlos ausgeliefert sein mochte, brachte ich vor Jahr und Tag die Gründung einer alles andere als zimperlichen NGO ins Spiel, die den allerersten Atomschlag nach Nagasaki verhindern soll: Die Idee bestand darin, genug Geld einzusammeln, um öffentlich glaubhaft damit drohen zu können, dass alle Regierungsmitglieder eines Atomwaffenstaates (mitsamt ihres Umfeldes) in dem Augenblick für vogelfrei erklärt werden, und zwar lebenslänglich, in dem ihr Land als Kriegspartei auch nur eine einzige Atombombe zündet (O.M. [BB]). Der Plan hat niemanden überzeugt, und vermutlich war er weniger zielführend als damals gedacht.

[16] Zitiert nach Bahners [DSEH]; meine Hervorhebung.

[17] ARD, Mediathek, 12.7.2023, ab Minute 28:40; meine Hervorhebung.

[18] Plokhy [NF]:xvii. Für Belege zugunsten der These siehe Plokhy [NF]:102/3, 107, 140, 152, 171, 183/4, 189, 194, 248, 277, 279.

[19] Siehe z.B. O.M. [PV]:95-107.

[20] Wie eine Umfrage unter Bewohnern des Gaza-Streifens vom November und Dezember 2023 ergab, ist einerseits die Popularität der Hamas seit dem Beginn der Kampfhandlungen gestiegen; andererseits hält die Mehrheit der Befragten den Überfall auf Israel durch die Hamas für richtig – und das trotz der drastischen Auswirkungen auf ihr eigenes Leben (El-Safadi [iZfH]). Dass sich Menschen unter Beschuss nicht von den Machthabern der eigenen Seite abwenden, wird immer wieder beobachtet (siehe z.B. Friedrich [B]:363-370).

[21] Der zweite Teil dieser Überlegungen geht auf einen Vortrag zurück, den ich am 23.11.2023 beim Symposion Abkehr vom ewigen Frieden? – Leben in der Zeitenwende des Fachverbands der Philosophielehrer NRW und am 16.3.2023 für das 64. Waisenhaus-Gespräch der Cajewitz-Stiftung in Pankow gehalten habe. [https://www.cajewitz-stiftung.de/wp-content/uploads/2023/03/Pazifismus-Atomtod-Mueller-2.mp4]. Ich danke den dortigen Diskussionsteilnehmern sowie Kerstin Behnke, Christoph Demian, Sabine Jaberg, Nicole Schmidt, Bernhard Kraker von Schwarzenfeld und Irina Spiegel für ebenso kritische Nachfragen wie kluge Verbesserungsvorschläge.

Literatur

Bahners, Patrick [DSEH]: „Dann soll es halt so sein! Eine Musikerin aus der Ukraine spricht im Bundeskanzleramt vom Weltuntergang“. Frankfurter Allgemeine Zeitung (30.3.2022), p. 9.

Blattmann, Christopher [WWKF]: Warum wir Kriege führen. Und wie wir sie beenden können. (Birthe Mühlhoff (tr); Berlin: Aufbau, 2023). [Erschien zuerst im Jahr 2022 auf Amerikanisch].

Bregman, Rutger [iGG]: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit. (Ulrich Faure / Gerd Busse (trs); Hamburg: Rowohlt, 2021). [Erschien zuerst im Jahr 2019 auf Holländisch].

Busse, Nikolas [BDLS]: „Die Bombe, die Deutschland lieben soll“. FAZ (12.9.2023). p. 6.

Busse, Nikolas [ZMZT]: „Zehn minus zwei Taliban ergibt zwanzig Taliban. Isaf-Taktik in Afghanistan“. FAZ (8.9.2009).

Einstein, Albert [üF]DY]: Über den Frieden. Weltordnung oder Weltuntergang? (Will Schaber (tr), Otto Nathan / Heinz Norden (eds); Köln: Parkland, 2004). [Erschien zuerst auf Englisch im Jahr 1960; auf Deutsch zuerst 1975].

El-Safadi, Majd [iZfH]: „Im Zweifel für die Hamas. Eine Studie untersucht die Haltung der Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland“. FAZ (14.12.2023), p. 4.

Friedrich, Jörg [B]: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945. (Berlin: List, 2002).

Grant, Greg [GMCA]: „Gen. McChrystal and Adm. Olson Actually on the Same Page“. In: Military.com (27.5.2010)
[https://www.military.com/defensetech/2010/05/27/gen-mcchrystal-and-adm-olson-actually-on-the-same-page].

Jonas, Hans [PV]: Das Prinzip Verantwortung. (Frankfurt / Main: Insel, 1979).

Müller, Olaf [PV]: Pazifismus, eine Verteidigung. (Stuttgart: Reclam, 2022).

Müller, Olaf [BB]: „Benign blackmail: Cassandra’s plan, or what is terrorism?“ In Meggle (ed) [EoTC]:39-50. [Im Netz unter http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:11-100189387].

Meggle, Georg (ed) [EoTC]: Ethics of terrorism and counter-terrorism. (Frankfurt / Main: Ontos, 2005).

Plokhy, Serhii [NF]: Nuclear folly. A history of the cuban missile crisis. (New York: Norton, 2021).

Schmitter, Elke / Müller, Olaf [DSDB]: “ ‚Da saß die Dicke Berta, hier die Weltkrieg-Angst‘. Im Gespräch. Als die Publizistin Elke Schmitter und der Philosoph Olaf Müller letzten Juni über den Krieg stritten, versprachen Sie es wieder zu tun…“ der Freitag No 8 (23.2.2023), pp. 18/9. (Fragen von Michael Angele).

Reinicke, Stefan [PMüU]: „Politologe Münkler über Ukrainekrieg: „Die Europäer haben Einfluss“ [Interview]“. taz (15.5.2022). (https://taz.de/Politologe-Muenkler-ueber-Ukrainekrieg/!5851962/).

Russell, Bertrand [A]DY]/III: Autobiographie III. 1944-1967. (Rudolf Weys (tr); Frankfurt / Main: Suhrkamp, 1974). [Erschien zuerst auf Englisch im Jahr 1969].

Sattar, Majid [R]: „Regimewechsel? Welcher Regimewechsel? Bidens Warschauer Rede war für die Geschichtsbücher angelegt. Ein Satz am Schluss überschattete alles“. FAZ (28.3.2022), p. 3.

Schmidt, Friedrich / Veser, Reinhard [SmB]: „Das Spiel mit der Bombe. In Russland streiten Befürworter und Gegner einer nuklearen Eskalation“. FAZ (23.6.2023), p. 10.

Schuller, Konrad [P] „Patt. Der Kriegsplan von Kiew ist nicht aufgegangen, und weder in Berlin noch anderswo ist ein neuer in Sicht. Alles wartet auf die Wahl in Amerika, aber Fachleute meinen: Die Zeit bis dahin kann man nutzen“. FAS (10.12.2023), p. 6.

Tugendhat, Ernst [NüAW]: Nachdenken über die Atomkriegsgefahr und warum man sie nicht sieht. (Berlin: Rotbuch, 1986).

Dieser Aufsatz erschien stark gekürzt, ohne Anmerkungen und ohne Bibliographie in der Zeitschrift „Forschung & Lehre“ (Forschung & Lehre 31, Heft 1 (2024), pp. 22/3).

Olaf L. Müller studierte Mathematik und Philosophie in Göttingen. Nach einem Auslandsjahr an der UCLA in Los Angeles (1992/3) wurde er 1996 in Göttingen promoviert. Es folgten Forschungsaufenthalte an der Jagiellonischen Universität in Krakau (1996) und in Harvard (1997). 2001 Habilitation in Göttingen mit einer Arbeit zur Täuschung durch permanente Computersimulation. Seit Oktober 2003 lehrt er Philosophie mit Schwerpunkt Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im WS 2016/17 hatte er eine Gastprofessur an der Keiō-Universität (Tokyo) inne.

Seine Interessensgebiete sind neben der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie (insb. der Polarität anhand von Goethes Farbenlehre) auch Metaphysik, Sprachphilosophie, Metaethik, und nicht zuletzt Theorie des Pazifismus. Olaf L. Müller versucht ein humanistisches Bild der Natur- und Kulturwissenschaften zu zeichnen – sie sind für ihn Wissenschaften von Menschen für Menschen. Siehe www.farbenstreit.de

Der Aufsatz ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

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