Wolfgang Frindte: Quo vadis, Humanismus?

 

Autor: Wolfgang Frindte
Erschienen: Springer VS 2022
Seiten: 539
Preis: 34,99 €
ISBN: 978-3-658-36637-7
Rezensent: Horst Groschopp

 

 

Bedarf an einer humanistischen Wende

Der Thüringer Autor, ein Weltbürger, emeritierter Professor, viele Jahre am Institut für Kommunikationswissenschaft in Jena tätig, legt mit dieser umfänglichen Studie nicht nur ein Resümee seiner Forschungen und eine Quintessenz seiner zahlreichen Publikationen vor, sondern gibt diesen eine Ordnung, einen direkten Bezug auf Humanismus, indem er sie zu einer Geschichte vor allem des modernen Humanismus seit Petrarca zusammenführt und nach dessen Zukunft fragt.

Er weiß, dass sein Gegenstand ein weites Feld ist, hat die entsprechende Literatur gelesen, will sich darin verorten, indem er sich auf die drei im Untertitel genannten Themenfelder – Historische Kontexte, Psychologische Reflexionen, Judenfeindliche Angriffe – konzentriert. Psychologie ist sein Fachgebiet und der Kampf gegen Antisemitismus seine Leidenschaft. Die Haltung zum Judentum wird bei ihm zu einem wesentlichen Kriterium für Menschlichkeit überhaupt. Dass Frindte vor allem Erich Fromm und dessen Ideen zu einem „sozialistischen Humanismus“ leiten (vgl. Epilog, S. 515 ff.), stellt nicht nur eine einfache Anlehnung an dessen psychologische Herleitungen des Humanismus dar, sondern bietet an, dessen historisches Gesellschaftsmodell ernsthaft auf seine Zukunftsfähigkeit zu prüfen.

Die ersten 18 der insgesamt 25 Kapitel des Buches (inklusive Prolog und Epilog) behandeln Frindtes Recherchen zum Humanismus und folgen einem Konstruktionsprinzip, das es ermöglicht, in historischen Collagen je historische Fragen, erhellende Episoden (an denen Frindte großen Gefallen hat), Ereignisse, Erkenntnisse und Personen aus seiner Sicht vorzustellen. Alle vorkommenden Personen werden mit ihren Lebensdaten genannt und diejenigen, die ihm besonders als Quellen dienen, in einem Personenauswahlregister gelistet.

Zum Konstruktionsprinzip gehört ferner, dass am Ende jeden Kapitels die wichtigste Literatur aufgeführt wird. Der Verlag bietet an, jedes Kapitel einzeln und für sich als pdf herunterzuladen. In die Kapitel setzt der Autor wie in einem Lehrbuch gerahmte Ergänzungen (Anmerkungen) zu einzelnen Begriffen oder Vorgängen.

Ebenfalls ist es Teil der Konstruktion, dass der Autor in seinen einzelnen Erzählungen vom Humanismus aktuelle Reflexionen anstellt, keine „tote Geschichte“ abbilden mag. Wen nur der je historische Kontext interessiert, mag darüber hin und wieder verwundert sein, aber wenn man sich beim Lesen daran gewöhnt hat, erkennt man/frau, dass Frindte seine persönlichen Sichten ebenso zur Diskussion stellt, wie jeder Leser, jede Leserin, aufgefordert wird, eine eigene Interpretation zu liefern. Das betrifft besonders den Teil V (Kapitel 19-25), in dem der Autor sehr kämpferisch gegen Angriffe auf die Menschlichkeit polemisiert und aktuelle kulturelle Vorgänge thematisiert: Klimawandel, Verschwörungsmythen, Rechtsextremismus, Demokratiefeindlichkeit, Islamismus (aber auch Islamfeindlichkeit) – aber besonders die Judenfeindlichkeit, wie schon vorher in anderen Kapiteln (etwa Kapitel 10 über Karl Marx).

Frindte greift immer wieder kontroverse Probleme auf, die andere Autoren aus welchen Gründen auch immer meiden, etwa hinsichtlich der Humanismusdebatten in der DDR oder des aktuellen Transhumanismus oder der Unterscheidung von Antisemitismus, Antizionismus und Israelfeindschaft.

Besonders hervorzuheben ist die Verankerung der Aussagen des Autors in realen sozialen Prozessen. Das unterscheidet ihn von anderen, die bei Benutzung des Humanismusbegriffes zu „Höhenflügen“ neigen. Man merkt die kommunikations- und sozialpsychologische Profession Frindtes. Das ist angenehm, besonders der Rückgriff auf soziologische Befunde. Deshalb macht die Lektüre, auch wegen der vielen erörterten Sachverhalte, „Arbeit“.

Eine besondere Bereicherung des Geschichtsbildes vom Humanismus stellt die vom Autor ausführlich vorgestellte Historie der Psychologie dar, die er als Ausbildung einer Wissenschaft vom Menschen vorstellt.

Und wohin geht nun der Humanismus? Auch hier ist der Autor klar und parteiisch: „Ein humanistisch-emanzipatorisches Programm muss antikapitalistisch sein; es kann sich nicht nur auf die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse im ‚Westen‘ richten; es muss anti-rassistisch sein, in radikaler Weise, die Menschenrechte aller Menschen, ihre Freiheit, Würde, Selbstbestimmung, Solidarität, den Schutz der Umwelt und das friedvolle Miteinander zum Ziel haben.“ (S. 523) Um dieses Ziel zu erreichen, bedürfe es, so Frindte, einer „humanistischen Wende“. Um dieses Verständnis zu befördern, schrieb er dankbarerweise das vorliegende ebenso materialreiche wie streitbare Buch über das Werden und die aktuelle Situation des Humanismus.

Die Rezension ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

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