Familien – tragfähige humanistische Lebensmodelle?

 

Foto: Tyler Nix | unsplash.com
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Unser humanistischer Diskurs hat bislang viele Themenfelder mit Bezug auf unsere Grundwerte aufgegriffen. Im Bereich der persönlichen Lebensführung stehen dabei die Werte Autonomie und Solidarität im Vordergrund. Das Ideal der Autonomie, der „Selbstbestimmung“ des Individuums, ist politisch an den Freiheits- und Emanzipationsdiskurs angedockt; humanistisch diskutiert wird es z.B. bei der Selbstbestimmung der Kinder und Jugendlichen, der Freiheit des Lebensentwurfes, der Berufswahl und der Sinngebung, der Gleichberechtigung der Geschlechter und dem Recht auf ein selbstbestimmtes Alter und Lebensende.

In jüngerer Zeit kommen viele Impulse aus dem Anti-Diskriminierungsdiskurs hinzu:  Auch hier geht es um Befreiung von Bevormundung und gruppenbezogener Diskriminierung z.B. im neuen Feminismus, in der Gender-Debatte sowie in der Postkolonialismus- und Rassismusdebatte. Allerdings ist man sich hier weitgehend einig, dass zugespitztes, z.B. auf körperliche Merkmale reduziertes Gruppen-identitätsdenken nicht zu einem von Hause aus universalistischen Humanismus passt.

Auch die Solidarität ist vielfach näher bestimmt worden, jedoch überwiegend unter horizontalen Aspekten wie Solidarität unter Freund:innen, Unterstützung von materiell und kulturell Benachteiligten sowie im Großen die universalistische, globale und ökologische Solidarität. Hier kommen viele Impulse aus der politischen Gerechtigkeitsdebatte. Der Diskurs um Liebe und Freundschaft knüpft gerne an die Traditionen der antiken Philosophie an.

Bisher wenig diskutiert wird die „normale“ Balance zwischen Autonomie und Solidarität durch die „normalen“ persönlichen Herausforderungen des jüngeren Erwachsenenalters und der Lebensmitte über Berufsfindung, persönliche Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung hinaus: Selbstbegrenzung der Autonomie in einer gelingenden Partnerschaft, Übernahme von konkreter familiärer Verantwortung für Kinder und Alte sowie Aspekte der gesamtgesellschaftlichen vertikalen Solidarität.

Das humanistische Plädoyer für Vielfalt der Lebensformen, Wahlverwandtschaften und Schutz vor oft übergriffigen Traditionszwängen blendet jedoch aus, dass die heteronormative Kleinfamilie nach wie vor für viele junge Menschen ein erstrebenswertes Ziel ist, trotz – oder wahrscheinlich eher aufgrund der kulturellen Pluralisierung, der sozio-ökonomischen Umbrüche und der daraus resultierenden Wahlmöglichkeiten, die vielen Angst machen. Seit den 1960ern oft totgesagt, erlebt dieses Familienmodell, überwiegend gegründet auf eine mehr oder weniger partnerschaftliche Ehe, ein kraftvolles Revival. Das Rechts- und Gesellschaftsinstitut „Ehe“ gilt als so attraktiv, dass es auf gleichgeschlechtliche / diverse Partnerschaften erweitert wurde. Die Ausnahmen stützen hier die transformierte Norm. Und ohne in eine konservative Anthropologie zurückzufallen: Es bleibt ja das biologische Faktum der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung, und es bleibt die Dynamik vieler sozialer Prozesse in Geschichte und Gegenwart, die sich auf dieses Faktum beziehen und sich nicht nur auf interessengeleitete, kurzfristig veränderbare soziale Konstrukte zurückführen lassen. Deshalb ist z.B. in der systemischen Beratungspraxis nach wie vor die Familie ein zentraler Bezugspunkt.

Die Politik reagiert hierauf seit etlichen Jahren mit einer Vielzahl von rechtlichen Anpassungen und familienpolitischen Unterstützungsleistungen. Ausgangspunkte sind meistens einerseits Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, oft verengt auf die Berufschancen der Frauen, andererseits generationsökonomische Aspekte. In jüngster Zeit kommt die Kinderrechtsfrage hinzu.

Behutsame Leitbilder meidet man im links-liberalen Diskurs allerdings „wie der Teufel das Weihwasser“. Im Privaten gilt: anything goes. Dies gilt auch für das für Normalverdiener unterm Strich aufwendige Privatvergnügen „Kinder kriegen“: Familie ist da, wo Kinder sind. In Corona-Zeiten zeigten sich die wahren Prioritäten: Kinder und Familien wurden alleingelassen.

Leitbilder werden an anderer Stelle rekonstruiert: Nach Alltagsbeobachtungen des Autors tragen in vielen Milieus nahezu alle Mädchen lange, nahezu alle Jungen kurzes Haar; hier wächst ein selbstgesetzter Konformitätsdruck. Und Familiensagas haben in Buch- oder Filmform Konjunktur. Traditionelle Geschlechterrollenverteilung und ein idealisierter Zusammenhalt in der Großfamilie sind dadurch kulturell sehr präsent.

Hier könnte eine humanistische Debatte einsetzen. Dass viele Menschen verschiedenen Alters Orientierung wünschen, scheint dem Autor evident zu sein; dieses Feld sollte nicht nur der Psychologie, der Ratgeberliteratur und den Medien überlassen werden – von den Kirchen, konservativer Kulturkritik und revitalisierten patriarchalen Modellen ganz zu schweigen.

Selbstverständlich gehört dazu eine kritische, informierte Aufarbeitung von historischen Familienformen sowie von Familienmodellen anderer Kulturen. Die reine Lehre wissenschaftlicher Einzeltraditionen darf hier nicht den Blick einengen: Zu nennen wären Teile der deutschen historischen Anthropologie, deren unbestrittene NS-Nähe nicht sämtliche Fragestellungen pauschal diskreditiert; zu nennen wäre weiterhin der unkonventionelle Ansatz von Emmanuel Todd in seinem Buch „Traurige Moderne“ von 2018, in dem die Familienstrukturen eine zentrale langfristige Tiefenschicht sozialer Entwicklungen bilden. Fragen zur Ethik der Reproduktions-medizin müssten einbezogen werden, ebenso alternative Modelle und Formen des Zusammenlebens.

Die Geschlechtergerechtigkeit dürfte nicht hinter den erreichten Stand zurückfallen – was angesichts der Rollenbild-Rückschläge in der Corona-Zeit und des neuen männlichen Heroismus im schrecklichen Ukraine-Krieg nicht einfach würde.

Zu fragen wäre, ob einige Aspekte des Ideals der bürgerlichen Familie, das ja kulturhistorisch eng mit der protestantischen zusammenhängt und auch für die Arbeiterfamilien große Anziehungskraft hatte, für ein humanistisches Familienideal – sofern das überhaupt konturiert werden könnte – anschlussfähig wären. Hiervon wären das adlige Familienideal sowie Clanstrukturen kritisch zu unterscheiden.

Ein zweiter Zentralaspekt des Familienbegriffs kommt hinzu: Es geht nicht nur um das gute Leben in einer gegenwärtigen, Halt, Sicherheit und emotionale Geborgenheit vermittelnden, im positiven Fall Selbstfindung und Selbstverwirklichung ermöglichenden Gemeinschaft.

Viele Menschen in allen Lebensaltern haben den Wunsch, sich als Glied einer familiären Generationenkette zu verstehen und damit ihr Leben und ihren Lebenszyklus als sinnvoll zu konstruieren, insbesondere anlässlich von Lebenspassagen, Bilanzsituationen und Krisen. Das unstreitige Pflicht- und Zwangspotential enger Familienbande tritt dabei oft in den Hintergrund.

Die „familiäre“ Perspektive könnte mit einer universalistischen Komponente auf den gesamten Lebenszyklus ausgeweitet werden; die Solidarität in der „Kernfamilie“ kann um eine vertikale Komponente und um das gezielte Weitergeben von humanistischen Errungenschaften, z.B. in punctis Geschlechtergerechtigkeit und Erziehung zur Selbstständigkeit, erweitert werden. Um diese Begriffe herum könnte ein neues Wertefeld definiert werden, was einerseits die Konstruktionen von Lebenszyklen, Generationen und den Wunsch nach Weitergabe von „guten“, emanzipatorischen Traditionen und andererseits den konkreten materiellen Lastenausgleich zwischen den Generationen beträfe.

Ausgangspunkt hierfür könnte der gewiss nicht unproblematische Begriff „Generativität“ (zuerst: Erik Erikson) sein. Bei diesem Begriff wird der Wunsch nach Kindern und seine Umsetzung mit dem ergänzenden oder stellvertretenden Bedürfnis verkoppelt, Verantwortung für „Wahlkinder“ oder „ideelle“ Kinder zu übernehmen und erprobte oder mühsam erkämpfte kulturelle Traditionen an die nächste Generation weiterzugeben. Dies ist nicht nur für die mittlere, sondern auch für die ältere (Großeltern-)Generation ein Thema, wo es dann um Enkel oder „Wahlenkel“ geht. Selbstverständlich müsste dieser Begriff geschlechtsspezifisch und vielleicht auch milieuspezifisch ausdifferenziert werden; die Chancen, ein generatives Bewusstsein zu entwickeln, sind sicherlich ungleich verteilt.

Politisch diskutiert wird dies zur Zeit vor allem in der Umwelt- und Klimabewegung als Verantwortung der älteren Generationen, den nachkommenden Generationen eine lebenswerte Umwelt zu hinterlassen. Die Weitergabe von kulturellen und demokratischen Errungenschaften wird – soweit der Autor das überblickt – weniger diskutiert; sie erscheint selbstverständlich, obwohl sie dies nicht ist – erst recht nicht in den aktuellen Krisen- und Kriegszeiten. Gerne wird diese Aufgabe dem Bildungssystem überlassen.

Zu einem Humanismus, an den aufgrund der schwindenden Akzeptanz der Kirchen zunehmend normative Ansprüche gestellt werden, gehört, dass zu diesen schwierigen, aber zentralen Themen des Menschseins humanistische Positionen über ein „anything goes“ und einen eher politischen Verantwortungsbegriff hinaus entwickelt werden müssen, an denen sich Menschen orientieren können. Die kritische Revision von anthropologischen Konstanten, die ja von Ethnolog:innen durchaus bestätigt werden, muss mit wünschenswerten humanistischen Entwicklungszielen verknüpft werden. Hier sind die humanistischen Akademien gefragt.

Erweitern und konkretisieren ließen sich diese Überlegungen zur Balance von Selbstverwirklichung, Familie, Reproduktion und Weitergeben von Errungenschaften durch die Entwicklung eines poetisch-literarischen humanistischen Lebensstufen-Modells. Dies könnte als „work in progress“ durch ein Mitmach-Projekt von interessierten Humanist:innen vor Ort Kontur und Tiefe gewinnen.

Johannes Schwill, geb. 1957, ehemaliger Orchestermusiker und Gymnasiallehrer für Geschichte und Musik, ist Präsident des HVD NRW und stolzer Großvater.

 

Der Artikel ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

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