Worum geht es in der „Radikalen Philosophie“?

 

 

 

 

 

Foto: Dominik Scythe | unsplash.com

Worum geht es in der „Radikalen Philosophie“?

von Frieder Otto Wolf

Diese Frage bezieht sich auf meine programmatische Schrift zur „Radikalen Philosophie“,[1] aber vor allem auf eben das, worauf ich mit dieser Schrift abgezielt habe: Philosophen können aufgrund der von ihnen erlernten Kompetenzen im Umgang mit Philosophen und Philosophemen einen durchaus nicht zu unterschätzenden Beitrag dazu leisten, dass die „Menge der Vielen“ (multitudo, von Negri und Hardt als „multitude“ thematisiert – und vielleicht etwas „überschwänglich“ propagiert) sich aus ihrer zunächst immer vorliegenden „Verhexung“ durch die herrschenden Ideologien zu lösen beginnt und tatsächlich anfängt, „selber zu denken“, dass die Vielen „ihre Köpfe zusammen stecken“ (so Marx in seiner Analyse des Kampfs um den Normalarbeitstag im Kapital). In eben diesem Beitrag zu einem wirklichen Selberdenken der Menge der Vielen besteht – nach meiner Auffassung – „radikale Philosophie“.

Zurückweisung des Monopolanspruchs der etablierten Philosophie

  1. Ich gehe von einem zugleich historischen und systematischen Befund aus: Die Philosophie hat ihren Anspruch, allein letzte (im Gegensatz zu allen Theologien und zu den alltäglich vorkommenden Formen des Aberglaubens) rationale Orientierungen zu bieten, schon im 19. Jahrhundert verloren. Spätestens mit dem Scheitern der 1848er Revolution, an der etwa auch die sogenannten rechten Hegelianer als Vertreter einer konstitutionellen Monarchie durchaus aktiv teilgenommen hatten, ist diese Form der philosophischen Intervention und Tätigkeit historisch obsolet geworden und dann auch aus der institutionalisierten Philosophie an den Hochschulen faktisch verschwunden.
  2. Insbesondere in Deutschland, wo die Institutionalisierung der „neuen Philosophie“, repräsentiert von Kant, Fichte, Schelling und auch Hegel, besonders weit fortgeschritten war, markierte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Karriere des Begriffs der „Weltanschauung“ – welche eben jede und jeder haben kann, auch ohne sich dafür Philosophie aneignen zu müssen – einen Bedeutungsverlust, ja geradezu eine Marginalisierung der Philosophie. Wie Husserl dies rückblickend analysiert hat, treten zunächst Weltanschauungen reproduzierende Philosophien und kritische Philosophien, die noch ernsthafte Wahrheitsansprüche verfolgen, irreversibel auseinander. Das gilt selbst noch für Heideggers „Fundamentalontologie“, die zwar durchaus faschistisch Partei ergreift, dies aber aus einer Haltung der Reflexion alles bisherigen Denkens heraus zu begründen versucht.
  3. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts – zunächst in England als dem am weitesten fortgeschrittenen Land von Kapitalherrschaft und bürgerlicher Hegemonie – entwickelt sich eine spezifische philosophische Praxis, die sich zunächst als eine kritische Reflexion und Destruktion aller vormodernen und vorbürgerlichen Denkformen entfaltet (Bentham und James Mill werden zu Vordenkern einer für England in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts prägenden Bewegung der „philosophical radicals“, an deren Ende dann John Stuart Mills „Logik“ als Methodologie der positiven Wissenschaften stehen sollte). In einem zweiten Schritt wird diese oberflächlich kritische Wendung, die zugleich als Affirmation der neuen Grundformen bürgerlichen Denkens (wie sie Marx im Kapital in der Formel zusammenfasst: „Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham“[2]) auftritt und funktioniert, im Wortsinne radikalisiert, indem sie auch auf die modernen Herrschaftsverhältnisse bezogen wird, wie sie die Junghegelianer (und dann auch die jugendlichen Marx und Engels) im Namen einer wirklichen Selbstbestimmung von Menschen im Ausgang von einer Kritik an dem von Hegel geradezu vergöttlichten modernen Staat zunehmend radikal kritisiert haben.
  4. In der neueren Philosophie weitgehend für selbstverständlich gehalten oder vergessen, vollzog sich seit den 1850er Jahren (nicht nur in Deutschland – auch in Frankreich, in England und in den USA kommt es zu analogen Neuentwicklungen philosophischer Tätigkeit in akademisch institutionalisierter Form) eine effektive, wenn auch vielgestaltige Erneuerung der Philosophie (Neukantianismus, Psychologismus, Lebensphilosophie, Pragmatismus, später gefolgt von der Phänomenologie, dem logischen Positivismus, der selbst ernannten „Fundamentalontologie“ und dem Existenzialismus). Dabei vollzieht sich in allen diesen Gestalten ein Rückzug der Philosophie auf die ausdrückliche Reflexion, ohne weiterhin den Anspruch zu erheben, die Wissenschaften (oder auch die politische Praxis) als solche begründen und dadurch der Philosophie unterwerfen zu können. Dieser „Schritt zurück“ der neuen Philosophen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts macht allerdings keineswegs unmöglich, dass sie weiterhin in zentrale politische wissenschaftliche und kulturelle Kontroversen eingreifen und dabei den Anspruch erheben, aufgrund der philosophischen Reflexion allein tragfähige Orientierungen zu bieten. Dies wird immer wieder mit dem Anspruch einer jetzt reflexiv gewendeten „Letztbegründung“ menschlichen Denkens und Handelns begründet.
  5. Vor diesem Hintergrund lässt sich eine „Radikale Philosophie“ heute als eine Art philosophischer Tätigkeit beschreiben, welche zwar die reflexive Wendung der Philosophie gegenüber den Wissenschaften und der politischen oder kulturellen Praxis seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nachvollzieht und aufrechterhält, nicht aber den damit verbundenen Anspruch, letzte Normen und Ziele für diese Felder menschlicher Praxis vorgeben zu können – außer in Gestalt der Artikulation des in dieser Praxis selbst immer wieder erhobenen Anspruchs auf Befreiung im Sinne einer radikalen modernen Selbstbestimmung – als gemeinsame Aufgabe, welche dazu in der Lage ist, alle einzelnen als solche „mitzunehmen“.

Kritik der Schließungstendenz des Mainstreams der Philosophie

  1. Als zentrale These der Radikalen Philosophie lässt sich hervorheben, dass sie dafür eintritt, die vom Mainstream auch der neueren Philosophien, der den Anspruch aufgegeben hat, Wissenschaft und Lebenspraxis umfassend von sich aus „begründen“ zu wollen, immer noch vertretene Tendenz zu einer für wirksam erklärten philosophischen „Letztbegründung“ als solche zurückzuweisen – einschließlich der sich daraus ergebenden immer wieder dogmatisch funktionierenden Schließungstendenz. Allerdings vertritt sie diese Ablehnung aller philosophischen Dogmatisierung nicht in dem von Karl Raimund Popper popularisierten weiten Sinne, alle Wahrheits- und Geltungsansprüche überhaupt aufzugeben, also auch in den Wissenschaften, in der Kultur und in der Politik, sondern eben spezifisch mit Bezug auf die Tätigkeit der Philosoph*innen, die keine eigenen Wahrheiten zum Diskurs der Menschheit beizutragen haben, sondern nur – immerhin – dabei helfen können, sich beim Auffinden und Formulieren wissenschaftlicher, kultureller und politischer Wahrheiten nicht durch den verbreiteten Ballast traditioneller Philosophien behindern zu lassen.
  2. Dagegen setzt Radikale Philosophie immer wieder die konkrete Freilegung und Behauptung der eigenständigen und irreduziblen Orientierungsleistungen von Lebenspraxis, Wissenschaften, Kunst und Politik (welche in diesem Sinne die Ethik mit umfasst) – einschließlich einer daraus immer wieder neu zu begründenden Tendenz zur Öffnung und zum Offenhalten zentraler Lebensfragen, wie sie eben die Menschen selber (omnes et singulatim, also jeder für sich und dabei doch alle zusammen) immer wieder neu und konkret beantworten müssen (Stichwort Selbertun).
  3. Radikales Philosophieren definiert sich hier geradezu durch die Aufgabe, immer wieder bei diesem Prozess von Kritik und Orientierung Hilfestellung zu leisten (vermutlich in erster Linie dadurch, dass sie dabei hilft, mit den ins Alltagsbewusstsein abgesunkenen Philosophemen kritisch fertig zu werden).

Eigene Initiativen der Radikalen Philosophie

  1. Die eigenen Initiativen der Radikalen Philosophie habe ich in meinem Buch näher beschrieben.[3] Ich beschränke mich hier auf das Aufrufen der zentralen Stichworte.
  2. Making Sense our way! – Sinn auf eigene, selbstbestimmte Weise finden und Sinnlosigkeit tragfähig und mitvollziehbar überwinden.
  3. Reclaiming reality! – für einen „kritischen Realismus“ (vgl. Roy Bhaskar).
  4. Reclaiming matter! – für einen nicht-reduktionistischen Materialismus.
  5. Realizing autonomy! – Selbstbestimmung verwirklichen, und zwar individuelle in und durch die gemeinsame Selbstbestimmung.
  6. Deepening awareness of others and building solidarity! – explizite Orientierung auf die Schaffung einer freien Gesellschaftlichkeit von sich immer wieder gemeinsam begreifenden Individuen.

Schranken und Grenzen der Radikalen Philosophie 

  1. Radikale Philosophie ist durch ihre Marginalität gegenüber dem Mainstream der Philosophie vielfältig beschränkt, daran muss sie wieder arbeiten, um sich die für eine erfolgreiche Tätigkeit benötigten Freiräume zu erobern.
  2. Aber auch Radikale Philosophie muss sich als „bloße Philosophie“ begreifen – d.h. sie ist darauf angewiesen, dass andere Formen menschlichen Denkens und Handelns wirkliche Veränderungen im Sinne von Befreiung in freien und schöpferischen menschlichen Gemeinwesen herbeiführen, letztlich immer vermittelt durch das eigene Handeln der „Menge der Vielen“, das nicht durch wohlmeinende „Stellvertreter“ ersetzt werden kann. Demgegenüber kann sie nur den begrenzten Beitrag leisten, einige Hindernisse für ein radikales Selberdenken zu beseitigen.
  3. Insbesondere die modernen Herrschaftsverhältnisse – nach meiner persönlichen Überzeugung, welche die Radikale Philosophie nicht als solche ungeprüft übernehmen kann, sind das immer noch das Kapitalverhältnis, das moderne Patriarchat, die internationalen Dependenzverhältnisse (einschließlich ihrer transnationalen Effekte, etwa in der Arbeitsmigration) und auch die ökologisch zerstörerischen Auswirkungen etwa des Industrialismus – bilden seit dem 19. Jahrhundert Gegenstände marginalisierter (und dadurch auch verzerrter) Linien der neueren Wissenschaftsentwicklung (Marxismus, Feminismus, Dependenztheorie und Radikalökologie). Diese ausgeschlossenen und dadurch auch verzerrten Wissenschaften kann Radikale Philosophie nicht ersetzen, aber zur Überwindung ihrer Exklusion aus dem Horizont der wissenschaftlichen Debatten beitragen.
  4. Jegliches durch radikale Transformation befreiend wirkende politische Handeln kann sich allein als auf kollektive Selbstmobilisierung zurückgehend entfalten. Dabei entwickelt es immer wieder selbst die nötigen Kriterien und Strategien eines begründeten Angriffs auf bestehende Institutionen und zugleich Konzeptionen einer strategischen Nutzung bestehender institutioneller Zusammenhänge. Beides ist nicht von Radikaler Philosophie in einem Akt der „Stellvertretung“ als solches „herstellbar“.
  5. Konkrete und überhaupt aussichtsreiche Aktionen der Befreiung sind immer wieder nur als getragen von sich historisch-aleatorisch in konkreten Situationen immer wieder neu herausbildenden kollektiven Subjekten denkbar und real möglich. Lernende Organisationszusammenhänge können hier eine verstärkende, aber keineswegs eine „stellvertretende“ Rolle übernehmen.
  6. Radikale Philosophie kann hier eine helfende, aber keineswegs eine führende Rolle übernehmen: einerseits kann sie in der Tat zumindest dazu beitragen, „[d]er Fliege den Weg aus dem Fliegenglas [zu] zeigen!“ (Wittgenstein), andererseits ist sie immer wieder darauf angewiesen, dass nicht nur die einzelne „Fliege“ wirklich fliegt, sondern vor allem diese „Fliegen“ gemeinsam wirksame Form dafür finden, sich zum Fliegen zu befreien.

 

[1] Frieder O. Wolf: Radikale Philosophie, Münster 2002, ²2019.

[2] MEW 23, S. 189.

[3] Wolf: Radikale Philosophie, S. 128-190.

 

Der Aufsatz ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

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