Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums

Cover Hartmut Rosas Buch "Situation und Konstellation"

 

Situation und Konstellation
Vom Verschwinden des Spielraums
Hartmut Rosa

Berlin: Suhrkamp, 2026
247 Seiten, 25,00 €.
EAN: 9783518588338

Rezensent: Thomas Nölle

 

© Suhrkamp Verlag

Zugegeben, es ist ein ziemlich trockener Titel: „Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“. Will man denn einen dermaßen verschraubt betitelten Text lesen, einer, der zudem vielleicht noch in Soziologendeutsch geschrieben wurde? Nun, hätte ich nicht zuvor einige von Hartmut Rosas Schriften verschlungen und mich von seinem lebendigen und mit vielen alltagsnahen Beispielen angereicherten Schreibstil vertraut gemacht, das Buch wäre wohl im Regal der Buchhandlung stehen geblieben. Aber so habe ich es dann doch gekauft und freue mich, es hiermit vorzustellen.

Das Buch steht in einer Reihe mit zahlreichen anderen zeitdiagnostischen Schriften wie z.B. „Beschleunigung und Entfremdung“, „Resonanz“, „Unverfügbarkeit“, in denen Rosa sich mit den gravierenden Veränderungen im Alltagsleben moderner Gesellschaften auseinandersetzt. Hier geht es, wie im Titel seiner Einleitung „Vom Handeln zum Vollziehen“ angekündigt, um eine einschneidende Verlagerung in der Tätigkeit spätmoderner Subjekte: Dabei entwirft er eine Theorie menschlicher Tätigkeit, welche versucht, aus dem Spannungs- und Ergänzungsverhältnis zwischen Handeln und Vollziehen, neue Spielräume des Handelns zu erschließen.

Als Handeln bezeichnet er Tätigkeiten, in denen sich Menschen mit einer Situation auseinandersetzen. In ihr und quasi auch von ihr durchdrungen, sind sie aktiv, verändern handelnd die Ausgangssituation und entwickeln gleichzeitig auch sich selbst, indem sie ihr Wissen um die Welt und das eigene Subjekt erweitern, Kompetenzen erwerben sowie ihre Haltungen und Einstellungen modifizieren. Dieser Prozess ist nach Rosa aber nur möglich, wenn in den Situationen auch Spielräume für unterschiedliche Handlungen bestehen. Denn nur so können Subjekte sich in ihrer je unterschiedlichen Weise einbringen und nur so können sie sich als Subjekte überhaupt erfahren, eben als Handelnde. Situationen sind allerdings unscharf, enthalten Aspekte, die nicht binär bestimmbar, messbar und somit nicht völlig rational kontrollierbar sind. Sie sind in Teilen unverfügbar (um auf einen anderen wichtigen von Rosa genutzten Begriff zu verweisen).

Im Gegensatz dazu stellt Rosa das Vollziehen als eine Tätigkeit dar, in der die Betreffenden lediglich ein „Ausführen von Regeln, das Befolgen von Vorgaben oder das Umsetzen von Entscheidungen, die andernorts (und immer öfter auf algorithmische Weise) getroffen wurden“ (S. 11) betreiben. Sie befinden sich damit nicht in einer Situation, sondern in einer fremdbestimmten Konstellation. „Sie erleben sich eher wie Beobachter oder Bearbeiter eines Sachverhalts, denn als wirkliche Akteure.“ (S.11)

Handeln und Situation sowie Vollziehen und Konstellation sind die zentralen Begriffe, mit deren Hilfe sich Rosa kritisch mit den von ihm wahrgenommenen Veränderungen in der zeitgenössischen Alltagstätigkeit auseinandersetzt. Er führt dies an vielen Beispielen aus. Ob es sich um das Festhalten an bürokratischen/gesetzlichen Regeln handelt, an das minutiöse Eingebundensein in betriebliche Prozesse, unsere Art zu konsumieren, die Art wie wir unsere Freizeit gestalten und sogar, wie wir spielen und versuchen kreativ zu sein. Immer häufiger agieren wir lediglich im Rahmen von mehr oder minder starren Vorgaben, welche unsere Spielräume drastisch beschränken und in denen wir uns immer weniger als eigenständige Subjekte erfahren können.

Ein prägnantes Beispiel aus dem Bereich kreativer Tätigkeit sei hier ausgeführt: Rosa vergleicht das Kinderspiel früherer Jahrzehnte mit Legosteinen mit den Spielangeboten, welche die heutigen Lego-Bausätze den Kindern nahelegen. Luden die Legosteine früher noch zu explorativem Bauen ein, so sind die heutigen Angebote perfekte Modellbausätze, die gemäß einer genauen Anleitung zu einem eindeutig definierten „Endprodukt“ zusammengesetzt werden. Auch wenn nicht alle Kinder diesen Vorgaben folgen, so ist doch eine Veränderung des Spiels und der Spielzeugwelt deutlich sichtbar, wirft man einen Blick in einen heutigen Spielwarenladen.

Als Grundproblem sieht Rosa „dass die spätmoderne Gesellschaft in immer mehr Bereichen des sozialen Lebens aus handelnden Akteuren, die komplexe Situationen auf der Grundlage ihrer Erfahrung interpretieren und nach moralischen und auch ästhetischen Maßstäben beurteilen, reine Vollziehende macht, die einem Protokoll folgen oder sich von Vorschriften und Algorithmen leiten lassen, welche gegenüber ihren Situationsdeutungen und moralischen Urteilen immun sind. Eine Kernthese des Buches lautet daher, dass wir in zunehmendem Maße von Handelnden zu Vollziehenden (gemacht) werden oder vielmehr: dass wir uns selbst dazu machen.“ (S. 10)

Wenn nun konstellative Vorgaben in der Moderne (nicht nur in der Spätmoderne) in immer größerem Umfang die Tätigkeit der Menschen regulieren, welche, vielleicht auch nachvollziehbaren Gründe stehen hinter dieser Entwicklung? Anschließend an Max Weber und Georg Simmel zeigt Rosa auf, dass das Anwachsen konstellativer Vorgaben geradezu ein Merkmal der Moderne ist, weil nur unter Absehung von Individualität und Subjektivität der beteiligten Akteure gesellschaftliche, soziale, betriebliche Prozesse übergeordnet planbar/rationalisierbar sind. Darüber hinaus schafft das bürokratische Absehen vom Einzelfall erst die Handlungsspielräume für den Einzelnen. Erst bei gleichen Rechten, gleichen Pflichten und gleichen Vorgaben für alle, unabhängig von ihrer jeweiligen Individualität, kann der Einzelne gegebene Spielräume gestalten.

Auch die Nutzung der immer sich erweiternden technischen Möglichkeiten bzw. der nutzbaren Geräte erfordert immer detaillierte Vorgaben (z.B. Bedienungsanleitungen). Einerseits erweitern sich individuelle Handlungsspielräume durch Nutzung neuer Techniken. In Rosas Jargon heißt das, dass auf diese Weise weitere Weltaspekte verfügbar werden. Andererseits ist das Fortschreiten regulierender Vorgaben in immer mehr Lebensbereichen aber mit einer zunehmenden Einschränkung der Handlungsspielräume verbunden. Hier tut sich ein Spannungsfeld auf, dem Rosa im weiteren Verlauf nachgeht.

Für Rosa ist die immer weiter gehende Ausweitung der konstellativen Vorgaben ein Merkmal der Moderne. Nun ist es doch wohl nicht so, dass es in vormodernen Gesellschaften keine Regeln, Vorschriften und Verbote gegeben hätte, welche die Tätigkeit der Menschen reguliert und nicht zuletzt auch im Sinne der Herrschenden geformt hätten. An dieser Stelle hätte ich mir einen, vielleicht auch nur kurz gefassten, historischen Rekurs gewünscht, in welchem die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede konstellativer Ausgestaltung in Vergangenheit und Gegenwart deutlicher hervorgetreten wären.

In einem weiteren Kapitel wendet sich Rosa dem Thema von Situation und Konstellation in der Politik zu. Die multiplen Krisen der Moderne erzeugen ein Gefühl der Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit nicht nur bei Politikern, sondern gleichfalls bei uns allen. Einfache Lösungen gibt es nicht. Trotzdem werden im öffentlichen Diskurs immer häufiger komplexe politische und gesellschaftliche Problemlagen auf einfache, meist binäre konstellative Konfliktpunkte reduziert. Um diese Punkte entwickelt sich dann eine hitzige, zugespitzte und den Problemen nicht mehr gerecht werdende Diskussion, welche die Beteiligten eher gegeneinander aufbringt, als dass sie zu kooperativem Handeln führt. Beispiele: Die neuartige und komplexe Corona-Pandemie wurde auf Fragen reduziert wie, Impfen, ja oder nein? Masken, ja oder nein? Lockdown, ja oder nein? Der Umgang mit dem russischen Angriff auf die Ukraine auf die Frage, Kampfpanzer Leopard liefern, ja oder nein? Taurus liefern oder nicht? Die ökologische Krise, der Klimawandel, die notwendige gesellschaftliche Transformation wird auf die Frage reduziert, Heizungsgesetz, ja oder nein? Verbrenner-Aus, ja oder nein? Tempolimit, ja oder nein?

Infolge dieser Ja/Nein-Logik positionieren sich Politiker immer stärker entlang reduzierter konstellativ-binärer Scheinalternativen, welche sie im weiteren Verlauf (z.B. nach gewonnener Wahl) ausführen/vollziehen müssen, wollen sie nicht als Lügner/Wahlbetrüger erscheinen. Schönstes Beispiel ist aus meiner Sicht: „unser Friedrich“, im Wahlkampf angetreten als Ritter der Schuldenbremse, der noch vor seinem ersten März als Kanzler die größte Neuverschuldung der BRD auf den Weg gebracht hat. Hätte sich vielleicht besser vor der Wahl ein wenig ehrlicher machen sollen. Das hätte geheißen, komplizierte politische Notwendigkeiten in einem geöffneten Dialog zu bereden, statt über zugespitzte Scheinalternativen eine Handlungsfähigkeit zu simulieren, die sich im weiteren politischen Prozess regelmäßig lediglich als blinder Vollzug oder eben als gebrochenes Versprechen herausstellt.

Diese Art von politischer und kommunikativer Praxis wird, so analysiert es Rosa, im Wahlvolk als eine Mischung aus Inkompetenz, Unaufrichtigkeit und Ohnmacht wahrgenommen, was Enttäuschung erzeugt und den Populismus weiter antreibt. An dieser Stelle stellt Rosa eine interessante Hypothese auf. Sind nicht zurzeit gerade Politiker, die vorgeben, sich nicht an Gesetze, Vereinbarungen und Verträge zu halten besonders populär, weil sie dadurch zeigen wollen, dass sie besonders handlungsmächtig sind und damit gestalten und Probleme lösen können. Er nennt Trump, Musk und Boris Johnson. Es gibt aber zahllose weitere Beispiele seien es Milei in Argentinien, Viktor Orban in Ungarn (auch wenn jetzt abgewählt, so war er doch immerhin 20 Jahre Ministerpräsident), oder auch Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei. Indem konstellative Vorgaben (Gesetze, Regeln, Verträge) quasi beiseite gewischt werden, inszenieren sich diese Politiker als konsequent Handelnde und eben nicht als in bürokratischen Regeln eingezwängte mutlose Amtsträger (warum fällt mir hier gerade Olaf Scholz ein?).

An dieser Stelle verweist Rosa dann noch einmal auf die Notwendigkeit und Wichtigkeit konstellativer Vorgaben (angefangen von der Straßenverkehrsordnung bis hin zur regelbasierten Weltordnung). Das von Trump unterstützte, ja initiierte Agieren von ICE in Minneapolis zeigt, wohin diese Politik führt. Und es ist nicht nur die Politik von Trump; es ist die Politik von jedem der z.B. Ausländer oder Schwule anpöbelt, ob er nun meint, es im Dienste der Stadtbildpflege oder der Reinerhaltung des Deutschtums tun zu müssen.

So sehr Vorgaben gerade auch angesichts des Drucks durch multiple Krisen als handlungsbeschränkend erfahren werden, sind sie gleichzeitig unverzichtbar, um kooperatives und situationsangemessenes Handeln zu ermöglichen. Dieser Widerspruch zwischen einengender konstellativer Vorgabe als einer Voraussetzung für situatives Handeln (welches diese Vorgaben ja gerade situativ umgehen kann) durchzieht das gesamte Buch.

Rosa beschreibt weitere Bereiche, in denen er der Dynamik dieser Widersprüche auf den Grund geht. Es sind Themen wie:

  • Philosophie und Sozial- und Geisteswissenschaft zwischen rationalistisch-berechnender und Sinn und Bedeutung schaffender Erkenntnissuche (Kap. VI);
  • Die Wirkung von permanentem Messen und Optimieren unserer Lebensvollzüge auf unsere Aufmerksamkeit und Motivation (Kap. VII);
  • Die emotionale Erschöpfung des spätmodernen Subjekts als Folge einer vorwiegend nur im Ausführungsmodus sich entfaltenden Lebenstätigkeit (Kap. VIII).

Und gegen Ende des Buches entwirft Rosa einige Vorstellungen, wie wir in einer zunehmend durch rationales Kalkül bestimmten Welt subjektiv bedeutsam handeln und Spielräume zurück erobern können.

Beispielhaft führt das unter anderem am Praxisfeld der Erziehung der Kinder vor. Er plädiert für eine Pädagogik, die nicht ausschließlich auf maximalen Kompetenzerwerb gesellschaftlich erwarteter Fähigkeiten ausgerichtet ist, sondern eine, die den Kindern daneben eigene Spiel-, Erkundungs-, und Experimentalräume zur Verfügung stellt, in denen sie nicht dauernd unter der Aufsicht der Erwachsenen stehen. Es geht Rosa um eine Pädagogik des Erkundens der sachlich-gegenständlichen Welt und des selbständigen Entwickelns von Handlungs- und Umgangsformen untereinander und nicht allein das Erlernen und Befolgen sozial gültiger Regeln. Die mit einem „freien Spiel“ der Kinder sicher auch verbundenen Verletzungsrisiken sowie auch die Erfahrung von Leid, aber auch dessen Bewältigung werden zunehmend durch den sattsam bekannten helikopterisierenden Erziehungsstil versucht zu minimieren. Das fördert aber bei den Kindern ein Weltverhältnis, das von Angst vor einer „bösen Welt da draußen“ bestimmt wird, in der man nur durch regelkonformes Verhalten eine Entwicklungs- und Überlebenschance hat. Dadurch werden Neugier und Experimentierfreude gelähmt und ein eigener selbst geschaffener Weltzugang und damit die subjektive Antwort- und damit Resonanzbeziehung zur Welt blockiert.

Weiterhin zeigt er am Beispiel außereuropäischer Konzepte aus dem globalen Süden, wie ein ergänzendes (und dabei keineswegs konfliktfreies) Nebeneinander von Bürokratie, Routine und Technik auf der einen Seite und pfiffig-kreativem Problemlösen andererseits aus der Starre regulativen Vollzugs herausführen kann. Es gilt auch innerhalb der Systemlogik von Organisationen offensiv nach Spielräumen zu suchen, wobei immer darauf zu achten ist, dass diese Räume nicht für Privatinteressen oder zur Korruption missbraucht werden.

Aufzuzeigen, dass der Widerspruch zwischen konstellativem und situativem Handeln nicht zu einer Lähmung führen muss, sondern gelebt und gestaltet werden kann, ist nach meiner Wahrnehmung der Grund, warum Hartmut Rosa dieses Buch geschrieben hat. Auf einer allgemeinen theoretischen Ebene bietet er eine plausible Diagnose und zeigt Handlungsmöglichkeiten auf. Diese konkret zu gestalten, das ist und bleibt wohl unser Job!

Thomas Nölle ist Mitglied des Lesekreises der Humanistischen Akademie. Er arbeitete als psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis und lehrte beziehungsorientierte, sozialwissenschaftliche Psychotherapie am Institut für Psychologische Psychotherapie und Beratung Berlin (ppt).

Die Rezension ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

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