Kampf gegen das „Tier im Menschen“

 

 

 

 

 

Foto: Hasan Almasi | unsplash

Kampf gegen das „Tier im Menschen“

Paradoxe „Rechtfertigung“ von Kriegsgräueln durch Berufung auf ein vermeintlich höheres Menschentum

Zwei berüchtigte Kriegstreiber, ein deutscher und ein russischer. Und zwei Schriftsteller, ein deutscher und ein russischer. Beide Schriftsteller schrieben vor einem Jahrhundert über den Kampf des Menschen gegen die niederen Triebe, welche sie beide als das Tier im Menschen darstellten. Jeder der beiden Kriegstreiber ließ sich von seinem Schriftsteller-Landsmann inspirieren beziehungsweise Worte für sein Tun geben. Und diese Worte erlaubten beiden, ihre Kriege als Kämpfe gegen die niederen Triebe zu „rechtfertigen“. Unter diesem Gesichtspunkt kann man die beiden Schriftsteller als ‚Schreibtischtäter‘ bezeichnen.

Vor einem Jahrhundert, im Jahre 1923, erschien das Buch „Das Dritte Reich“ von Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925). Es endet mit folgenden Sätzen: „Das Tier im Menschen kriecht heran. Afrika dunkelt in Europa herauf. Wir haben die Wächter zu sein an der Schwelle der Werte.“ Der Autor schrieb an gegen den Hang zu Müßiggang, Luxus und Genuss, die er auch als verderbliche „westliche Tendenzen“ charakterisierte. Er rief die Deutschen auf, solchem „tierhaftem“ Egoismus abzuschwören und sich stattdessen höheren Werten zuzuwenden, und zwar vor allem der großen Aufgabe, Deutschland zur Weltgeltung zu verhelfen. Im Vorwort des Buches gab er seiner „erbitterten Zuversicht“ Ausdruck, dass der kurz zuvor verlorene Weltkrieg für die Deutschen wenigstens der „Erziehungskrieg“ dazu gewesen sein möge.

Adolf Hitler umwarb diesen 13 Jahre älteren Autor und wollte ihn für seine nationalsozialistische Bewegung gewinnen. Moeller van den Bruck blieb jedoch auf Distanz, und zwei Jahre später entzog er sich durch Selbstmord allem weiteren. Dennoch war er in vielen Hinsichten ein Stichwortgeber für die Nazis geworden, nicht nur mit dem Ausdruck „Drittes Reich“ und seinem penetranten Aufruf zum Kampf dafür. Auch seine Ablehnung genussorientierter, von ihm „eudämonisch“ genannten Ich-Bezogenheit sowie westlich-liberaler Lebensformen und parlamentarisch-demokratischer Regierungsformen sowie seine Verknüpfung von Nationalismus und Sozialismus wurden von den Nazis aufgegriffen bzw. geteilt. Was Hitler dann aus der geforderten Hinwendung zu „höheren Werten“ machte, zeigt folgendes Zitat aus „Mein Kampf“: „Wir verstehen darunter (nämlich unter „Idealismus“; U.A.) nur die Aufopferungsfähigkeit des einzelnen für die Gesamtheit, für seine Mitmenschen.“ Ob gedankliche Versatzstücke wie dieses von Hitler nur zynisch benützt wurden oder ob er selbst davon überzeugt war, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Auf jeden Fall war die Übernahme in das nationalsozialistische Welt- und Menschenbild politisch geschickt und verführerisch: Vom postulierten Bekämpfen des „Niederen“ und Streben nach „Höherem“ fühlten sich viele junge idealistisch gestimmte Menschen angesprochen.

Zur selben Zeit setzte sich der damals in Deutschland lebende (und später in der Schweiz verstorbene) russische Schriftsteller Iwan Iljin (1883-1954) ebenfalls mit dem so genannten Tier im Menschen auseinander. 1925 erschien sein Buch „Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse“. Darin bezeichnet auch Iljin den Sitz der niederen Triebe und „törichten Leidenschaften“ als das Tier im Menschen, gegen welches ein ständiger Kampf geführt werden müsse. Aber er geht einen Schritt weiter, indem er es als „das Böse“ identifiziert. Im Wortlaut: „Das Böse ist vor allem die seelische Neigung des Menschen, die uns allen eigen ist, es ist eine Art in uns wohnende, leidenschaftliche Anziehungskraft zur Entfesselung des Tieres, eine Anziehungskraft, die sich stets bemüht, ihre Macht auszubreiten und in Fülle zu herrschen“ (S.37 in der Neu-Ausgabe von 2018). Und in einem weiteren Schritt fordert er nicht nur den inneren, sondern auch den äußeren Kampf dagegen. Das Böse sei eben „aggressiv“, es habe allein schon durch seine Existenz verheerende Auswirkungen. Es verbreite sich unter den Menschen wie die Pest, denn jeder vom Bösen beherrschte Mensch stecke in seiner Umgebung auch andere damit an. Deshalb dürfe und müsse hier auch gewaltsamer Widerstand geleistet werden.

Auch von diesem Autor übernahm ein machtgieriger Politiker zentrale Gedanken, wenn auch erst gut ein Dreivierteljahrhundert später. Seit ungefähr 2005 tauchen Iljin-Zitate in den Reden des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf. Es hat in Russland eine posthume Verehrung Iljins eingesetzt, dessen in der Schweiz begrabenen Leichnam Putin im Jahre 2006 exhumieren und im berühmten Moskauer Donskoi-Kloster beisetzen ließ. Offensichtlich flossen Iljins Gedanken auch in die neue russische Sicherheitsdoktrin von 2019 ein, aus welcher im folgenden Auszüge zitiert werden:

The freedom of the individual is being made absolute; permissiveness, immorality and selfishness are being actively propagated; the cult of violence, consumption and pleasure is being implanted; the use of drugs is legalized…Traditional Russian spiritual, moral, cultural and historical values are being actively attacked by the United States and its allies (through) information and psychological sabotage and „westernisation”.[1]

Der Westen wird insgesamt als Reich der Dekadenz, der niederen und egoistischen Triebe und entsprechend eben des Bösen verteufelt. Im Verweis auf eine westliche „permissiveness“ klingt Iljins Überzeugung an, dass die Herrschaft des Bösen auf „Widerstandslosigkeit“ gegenüber den niederen Trieben zurückgehe. Man kann auch Iljins Auffassung heraushören, dass dieses durch seine bloße Existenz eine Bedrohung darstelle. Daraus ergibt sich im Sinne Iljins, dass die „Verwestlichung“ ein Angriff auf Russland sei, auf welchen mit Gewalt zu reagieren geboten sei. Das läuft auf den Versuch hinaus, den Angriffskrieg gegen die nach Westen driftende Ukraine durch den Bezug auf Iljin als einen Akt der Verteidigung anthropologisch zu rechtfertigen.

Zynischerweise wurde bzw. wird in beiden Fällen der Weg in die individuelle Unfreiheit in einem totalitären und kriegerischen Staat als Weg zu einem höheren Menschentum angepriesen. Dass dieser paradoxe Trick ein großes Verführungspotential aufweist, hat Deutschlands Weg in die nationalsozialistische Katastrophe zur Genüge gezeigt. Man muss hoffen, dass eine ‚Wiederholung auf Russisch‘ noch rechtzeitig gestoppt wird.

 

Anmerkungen

[1] Philip Short: Putin. The explosive and extraordinary new biography of Russia’s leader. The Bodley Head Ltd. London 2022, S.626-627.

Dr. Urs Aeschbacher arbeitete als Lehrbeauftragter für Psychologie an verschiedenen Schweizer Universitäten. Seit langem setzt er sich u.a. mit der Verführungsmacht von Ideologien auseinander.

 

Der Debattenbeitrag ist auch als zitierfähiges PDF verfügbar.

Immer auf dem Laufenden bleiben? UNSER NEWSLETTER

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


The reCAPTCHA verification period has expired. Please reload the page.