Die Spirale der Gewalt

Nun liegt sie also auch in Deutschland wieder auf dem Tisch: die militärische Karte. Der Bundestag hat mit großer Mehrheit beschlossen, dass deutsche Soldaten auch in Syrien ihrem zweifelhaften Beruf nachgehen sollen – weil, so die offizielle Begründung, wir uns Frankreich gegenüber solidarisch verhalten müssen. Und da der französische Präsident nach den jüngsten Anschlägen in Paris zum Krieg geblasen hat, heißt Solidarität nunmehr Kriegsbeteiligung. Quasi über Nacht ist der Einsatz der Bundeswehr im Kampf gegen den IS vom gut begründeten Tabuthema zum scheinbar alternativlosen Gebot der Stunde avanciert. Kritische Stimmen am Kurs Frankreichs sind, falls es sie gibt, verstummt, und wieder einmal ist es die Angst davor, anderen vor den Kopf zu stoßen, die uns kopflos werden lässt – mit vorhersehbar negativen Folgen, für alle Beteiligten.

Natürlich ist die momentane Sicherheitslage ernst und der Handlungsdruck für die Regierenden außergewöhnlich hoch. Und selbstverständlich ist es richtig, Frankreich zur Seite zu stehen. Aber was genau heißt das eigentlich: Jemandem beistehen? Verlangt ein solcher Beistand, seine eigenen Prinzipien über Bord zu werfen? Waren die Gründe, die bisher gegen eine direkte militärische Einmischung Deutschlands in Syrien sprachen, keine guten Gründe? Wäre es nicht möglich, an diesen Gründen festzuhalten und dennoch Frankreich beizustehen?

Es gäbe unzählige Dinge, die getan werden müssten, um das Phänomen des Terrorismus auf lange Sicht zurückzudrängen. Sich verstärkt den Menschen zuzuwenden, die sich letztlich auch aus einem Mangel an Zuwendung und Perspektive radikalisieren, wäre eine riesige und wichtige Aufgabe und zugleich ein großer Beweis deutscher Solidarität gegenüber Frankreich. Was spräche dagegen, dass sich Deutschland mit Ideen, Geld, und Personal daran beteiligte, die Situation in manchen französischen Vorstädten zu entschärfen? Solidarität könnte bedeuten, die besonders schwierige Lage in Frankreich und Belgien zum gemeinsamen Projekt in Europa zu machen – wovon alle miteinander profitieren könnten. Auf diese Weise ließe sich sehr wahrscheinlich mehr Gutes erreichen als durch militärische Manöver; vor allem zöge es nicht neues Schlechtes nach sich. Vor gar nicht langer Zeit war man sich in Deutschland sicher, dass die militärische Option keine Option sei, weil wir längst aus Erfahrung wissen, dass Gegengewalt, mag sie technisch auch noch so ausgefeilt sein, die Spirale der Gewalt nur immer weiter nach oben treibt. Hat sich an dieser einfachen Logik irgendetwas geändert? Nein. Man muss kein überzeugter Pazifist sein, um die Sackgasse zu erkennen, in die Gegengewalt führt. Auch diesmal werden Soldaten sterben, Zivilisten, und natürlich werden sich infolge des Krieges wieder neue Menschen einer Ideologie zuwenden, die sich geschickt zu inszenieren weiß als vermeintlich ehrliche Alternative zum allzu oft verlogenen Westen. Dies wiederum ist die Garantie für neue Anschläge. Warum hat Deutschland nicht die Stärke und den Mut, sich gegen die neuerlich aufkommende Gewaltbereitschaft des Westens aufzulehnen und seine Kraft auf die Dinge zu lenken, die wirklich Erfolg versprechend wären und in Einklang stünden mit jenen Werten, auf die wir uns gerade hierzulande so gerne berufen? Deutschland könnte das Land sein, das sich nicht hinreißen lässt zu den Methoden der Steinzeit. Deutsche Politiker könnten es sein, die an die Öffentlichkeit treten und sagen, dass auch die glühendsten Anhänger des IS nicht aufhören, Menschen zu sein wie wir. Stattdessen ist von Mördern die Rede, von Monstern – verständlich vor dem Hintergrund der schrecklichen Taten. Doch indem wir so sehr polarisieren und die Kluft zwischen denen und uns verabsolutieren, zeigen wir im Grunde nur, dass wir moralisch nicht reifer sind als sie, die momentan unsere Feinde sind.

Was könnte es für eine Wirkung erzielen, wenn wir den hasserfüllten Kämpfern des IS nicht so begegnen würden, wie sie es zur Aufrechterhaltung ihrer inhumanen Ideologie brauchen, nämlich ebenfalls hasserfüllt und gewaltbereit, sondern wenn wir sie unmissverständlich wissen ließen, dass wir nicht aufhören werden, sie als Menschen zu respektieren? Diese Haltung wäre möglich, ohne deshalb die Taten als solche zu relativieren. Terror ist durch nichts zu rechtfertigen, und wir müssen selbstverständlich deutlich machen, dass wir Gewalt und Hass nicht tolerieren. Aber tun wir das aufrichtig, indem wir selbst zu den Waffen greifen und in die Kriegsmetaphorik verfallen? Vielleicht ist es an der Zeit, sich an ein humanistisches Prinzip zu erinnern, das vor gar nicht so langer Zeit auf beeindruckende Weise von Mohandas K. Gandhi vorgelebt wurde. Gandhi hat damals der Welt gezeigt, wie mächtig und wirkungsvoll der Gewalt die Stirn geboten werden kann, wenn man selbst aus Überzeugung auf Gegengewalt verzichtet. Dabei hat er sich nicht passiv verhalten, hat das Übel nicht tatenlos geschehen lassen, sondern er hat sich aktiv zur Wehr gesetzt, ist bewusst und offen in die Auseinandersetzung mit dem Gegner gegangen, doch stets unter Wahrung des obersten Prinzips: der Gewaltlosigkeit. Nach nunmehr fast fünfzehn Jahren „War on Terror“ und einer Bilanz, die ernüchternder kaum ausfallen könnte, wäre es vielleicht an der Zeit, dass wir unser bisheriges Vorgehen schonungslos hinterfragen und anfangen, das Prinzip der Gewaltlosigkeit nicht als schöne, aber lebensferne Idee, sondern als ernst zu nehmendes realpolitisches Mittel zu betrachten. Nicht zuletzt mit Blick auf unsere Kinder, deren Zukunft stark abhängen dürfte von den Entscheidungen, die wir heute treffen, sollten wir alles daransetzen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.

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